Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
347
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Der mythische und der geschichtliche Walther 347

Eigenart, alle Kraft und alle Größe der WaltherschenKunst. Diesstempelt sie zu einem echt mittelalterlichen Gewächs und rücktsie weit ab von der modernen Dichtung, von der Lyrik Goethes.

In Goethes Hand ward der Weltenspiegel, als er ihn zuergreifen wagte, zum Liebesspiegel. Walthers Dichtung istseit der Zeit seiner Reife ganz Weltenspiegel, auch da, wosie bloß Liebesspiegel zu sein scheint. Sie entspringt dem Be-dürfnis des Augenblicks, der Gelegenheit wie die DichtungGoethes. Aber einem Bedürfnis, das dem Dichter und seinemgegenwärtigen wie seinem künftigen Hörerkreis unmittelbar unddurchaus gemein ist. Wohl spricht sie in eigener Person, abersie spricht nur das aus, was an Stimmungen und Wünschenallen im Herzen und auf den Lippen liegt, was an Erfahrungenjeder zu besitzen glaubt oder doch sogleich zu gewinnen für mög-lich hält. Sie will nicht neue Gedanken bringen, nichts Uner-hörtes künden, nicht ungeahnte Tiefen der menschlichen Seele,singulare Empfindungen entschleiern. Sie will nur was unver-lautbart, aber stark gefühlt im Publikum schlummert, aufweckenund es mit tausendstimmigem Widerhall durch die Lande rufen.Allein obzwar sie bloß Dolmetsch sein will, übertrifft sie dieKraft des Zauberers, der aus Steinen Gold macht: sie hat diegöttliche Gabe, das Einfache, das Menschliche rein und voll imGlanz morgendlicher Schöne, mit dem funkelnden Reiz desganz Persönlichen und des ganz Momentanen, mit der Frischedes Neugeborenen vor die Sinne zu stellen. Sie singt gleich derNachtigall, die mit jedem Frühling wiederkehrt: ein altes Lied,das immer neu scheint.

Dieser mittelalterliche Dichter wohl ist auch er einGenie, wohl redet er über große Dinge, über die Not des Reiches,der deutschen Kirche als ein Seher, der in die Abgründe und aufdie Gipfel der Welt geschaut hat. Wohl hat sein Blick und seinLachen die Unschuld und die Heiterkeit des Kindes, in der sichdas Göttliche spiegelt, wenn er etwa das Spiel der Liebenden sichwünscht, die beseligt ihr Bildnis einander in den Augen suchen,oder an Strohhalmknoten gläubig Gewährung und Nichtge-währung abzählt. Aber er ist kein Einsamer. Er ist keine singu-lare Natur. Er ist kein Zeitloser. Er hat ganz und gar nichtsDämonisches oder Titanisches. Er ist kein Übermensch. Mittenin der menschlichen Gesellschaft seiner Zeit wurzelt seinLiebeslied. Mitten in dem nationalen Empfinden bestimmter