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Literatur und Kunst des Mittelalters
in dem er die Zerrüttung des unter dem Andringen neuer staat-licher Bildungen zusammenbrechenden Reiches, in dem er dieWirren und Sorgen der deutschen Kirche, die sittlichen Be-drängnisse der deutschen Nation auffassen sollte.
Der Dichter, der die Szenen dieser weltgeschichtlichenKämpfe wagen durfte als Sprecher der öffentlichen Meinungabzubilden, auf dessen Urteil Tausende hörten und vertrauten,wie hätte seine Liebespoesie noch in der Sphäre des einen Ge-fühls, wie aber auch hätte sie ganz individuelles Bekenntnis,lyrischer Monolog, einsamer Seufzer bleiben können ? Der Wort-führer des nationalen Gewissens in dem gigantischen Drama desStreites um das Imperium, des Ringens zwischen der weltlichenund der geistlichen Macht, zwischen der Reichs- und der Fürsten-gewalt mußte auch seine Poesie, sowohl seine Lieder- als seineSpruchdichtung, dramatischer oder epischer, jedesfalls stoff-licher, objektiver gestalten. Immer mehr überwiegt in ihr dieäußere Welt das Innenleben des Dichters, immer festergründet diese Lyrik sich auf Szene, Situation, Handlung. Jelänger je mehr wendet sie sich an die schauende Phantasie mitMotiven, welche die bildende Kunst geschaffen oder dochwenigstens zur typischen Geltung ausgeprägt hatte. Denn siewill konkret, gegenständlich sein; sie will die geistige Welt inpersönlicher Beleuchtung, aber in typischen, in allgemein faß-baren Formen zeigen. Sie will leicht und allgemein verstandenwerden. Sie will eindringlich wirken, fortreißen, entflammen.Weit hinter dem Dichter liegt der künstlerische Stil seiner Tasso-Periode, des Dienstes als Hofdichter in Wien. Er ist nicht mehrder Amuseur einer preziösen Gesellschaft. Seine Poesie gibt sichoffen als Poesie der Mitteilung. Das heißt: sie ist Poesiean und für ein hörendes Publikum. Sie betritt damit den Stand-punkt, auf dem das Urphänomen aller epischen Dichtung steht:der Dichter gibt seinen Stoff, bewahrend, überliefernd, aber dochals freier Herr, als Gestaltender dem empfangenden Hörer. Erist der Wissende, der alles sieht und vernimmt, der überRaum und Zeit erhaben alle Regungen eigner und fremderBrust, alles offene und geheime Wollen und Tun kennt undder mit dieser Allwissenheit einredet auf die Gesichter derer,die spannungsvoll erwartend und erregt an seinen Lippen hängen.
Das lebendige Verhältnis zum naiven großen Publikum, derwechselseitige Zusammenhang mit ihm ■— darauf ruht alle