Der mythische und der geschichtliche Walther 345
literarisch-soziale Scheidewand zwischen ritterlicher undspielmännischer Lyrik niedergelegt. Er hat die Erbschaft derfahrenden Berufsdichter, die im Lob- und Scheltlied, in derTotenklage um einen Gönner, im Rätsel- oder Fabelgedicht,im kurzen geistlichen Lied, in anspruchslosen Gelegenheits-strophen über Ereignisse von engster und ephemerer Bedeutungihr bescheidenes Repertoire fanden, angetreten als ein Besitzerder ritterlichen höfischen Bildung und Kunst, aber auch als einSchüler der lateinischen, poetischen Publizistik, wie sie dievagierenden Kleriker, vor allem der Archipoeta, der hinreißendeEnkomiast Friedrich Barbarossas und seines gewaltigen Kanzlers,des antipapistischen Erzbischofs Rainald von Dassel, mit glänzen-der Fülle des Geistes und bewundernswertem formalem Geschickausgebildet hatten.
Die alte gnomische Dichtung der deutschen Spielleute ge-staltet Walther um, hebt sie auf eine höhere Stufe: er gibt ihreinen weiteren Rahmen, die Beziehung auf die große Politik,auf die Politik des Reiches, der Welt. Und er gibt ihr stärkerepersönliche Akzente, das politische Selbstbewußtsein, diepolitische Überzeugung des Patrioten. Er, der zur Selbständig-keit gereifte Schüler Reinmars, des höfischen Minnesängers, wirdselbst ein Nachfolger des alten anonymen fahrenden Dichtersder Spervogelschen Schule und des anonymen Archipoeten ineiner Person. Aber er redet nicht als ein Anonymus, sondern ineigenemNamen, dem sein Minnesang bereits Ruhm verliehen hatte.
Diese Entwicklung, die ich seinerzeit aus einer genauenstofflichen, stilistischen und metrischen Untersuchung der PoesieWalthers festzustellen versucht habe, brachte einen Fortschrittaus der Enge in die Weite, aus der Oberfläche in die Tiefe, ausder Gebundenheit traditioneller Modepoesie zur Freiheit, ausspintisierender, schematischer Gedankendichtung in das Tages-licht plastischer Darstellung, aus einem komplizierten sprach-lichen Ausdruck zu einfachen, volkstümlichen Formen.
Aber gerade diese innere Metamorphose der LiebesdichtungWalthers und seine Begründung einer neuen politischen Spruch-dichtung großen Stils nimmt ihm den Liebesspiegel aus derHand, den ihm Beispiel und Lehre Friedrichs von Hausen, Rein-mars und Hartmanns von Aue geschliffen hatten, und gibt ihmdafür den neuen großartigen Weltenspiegel, in dem er dieKämpfe dreier deutscher Könige mit dem gewaltigsten Papst,