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Literatur und Kunst des Mittelalters
Strategen, Erzbischof Christians von Mainz, in Wien der ElsässerReinmar aus Hagenau, der Lehrer Walthers, geschaffen hatten,im Laufe seiner Entwicklung abgestreift.
Jene höfische Poesie hatte einem falschen Ideal von Zart-heit nachstrebend, ihren einzigen Stoff gesucht und gefundenin dem nach allen Regeln ritterlicher Konvenienz durchgeführtenMinne dienst, d. h. in dem unermüdlichen Werben um Huldund Neigung einer hochgestellten, verheirateten Frau und demkunstvollen, diskreten Ausdruck aller jener schmachtenden,hoffenden, trauernden Sehnsucht, die das Trachten nach sofernem, so selten erreichbarem Ziel hervorruft. Auch dieseDichtung kannte das Motiv einer Isolierung des Dichters. Aberdarin lag durchaus keine wirklich subjektivistische Auffassungoder, wenn sie ursprünglich darin steckt, wurde sie bald eineMaske, eine konventionelle Fiktion, die niemand ernst nahm;diese Vereinsamung des unglücklich liebenden Minnesängers,der klagt, von der Welt nicht verstanden zu werden, diesesBetonen unerhörter Liebespein, diese ewigen Antithesen zwischendem treuen Poeten der Minne und der rohen Menge — das wardein bloßes Requisit, um sich interessant zu machen. Auchhierin wurde die Darstellung bestimmt durch die Rücksicht aufden guten Ton der Gesellschaft, auf ihren Geschmack, der fürdas Spiel mit Begriffen und Worten eine Vorliebe hegte.
Wo die Frauen das literarische Szepter schwingen, ver-feinert sich das Gefühl und wird beredt. Aber zugleich gerätes in Gefahr, sich zu überfeinem und in Zierlichkeit zu verflachen.Der Minnesang und Frauendienst an den Höfen des 12. und13. Jahrhunderts ist ein Phänomen des gesellschaftlichen Lebensund der Konvenienz des poetischen Stils, wie es ähnlich wieder-kehrt in den Prezieusen des Hotel Rambouillet, in denpietistischen und sentimentalen Konventikeln der 'schönenSeelen', in den ästhetischen Salons des romantischen Zeitalters.
Walther warf die Gewichte jener scholastischen Gefühls-anatomie, die Fesseln jener gebundenen Standespoesie fort. Erhat seine Liebeslyrik durchhaucht mit der Wahrheit des Er-lebnisses und der Anschauung. Er hat den Kreis ihrer Motiveerweitert, die Mittel ihrer Darstel ung bereichert. Er hat sienatürlicher gemacht. Er hat vor allem, indem er als Erstergleichzeitig neben der ritterlichen Minnepoesie auch eine lehr-hafte, eine politische Spruchdichtung in Pflege nahm, die