Der mythische und der geschichtliche Walther 343
Dort wirkt seine erotische Dichtung am stärksten, wo ersein Gefühl aus dem eigenen Selbst in fremde Objekte projiziert.Das Liebesglück unter der Linde auf der Heide, im Tal der Wald-lichtung, zu dem die Nachtigall ihr verschwiegenes Lied jubelte,läßt er das rotmundige, kußfröhliche Mädel, dem der Liebsteden Kranz von wilden Rosen ins Haar gedrückt hatte, vor andernLeuten überselig ausplaudern. Das süße Beisammensein mitder Geliebten, der er einst beim Tanz den Kranz gereicht hatte,unter den herabrieselnden Blüten der Bäume, im schwellendenGras, er rückt es doppelt in die Ferne, indem er es zurückschiebtin die Form epischer Erzählung und indem er dann schließlichdie Wirklichkeit des Erzählten für einen bloßen Traum ausgibt.In einem seiner berühmtesten Lieder, in jenem glänzenden Ge-mälde der Herrlichkeiten eines Maimorgens, wo die Waldsängerkonzertieren und in den Blumen die Taubrillanten blitzen, injener farbenprächtigen Szene eines ritterlichen Frühlingsfestes,einer großen, glänzenden Hofgesellschaft, wo die Gepriesene beiihrem Eintritt mit ihrer blendenden Schönheit all die anderngeschmückten Frauen überstrahlt wie die aufgehende Sonne dieverblassenden Sterne, klingt das eigene Herzensgefühl zu derErwählten nur als leiser Unterton eines allgemeinen Hymnusauf edle weibliche Schönheit mit. Ein anderes Mal breitet er überseine Empfindung den durchsichtigen Schleier eines Dialogs,einer liebenswürdigen Konversation mit der Erkorenen überWesen und Mittel wahrer höfischer Sitte und ritterlicher Wer-bung. Oder er verdichtet das Minnelied zu einem geistreichenWortgeplänkel, in dem die Dame nach allen Regeln ritterlicherGalanterie und Liebesstrategie umworben, eingeengt, bestürmtwird, bis dann zuletzt ihr weiblicher Mutterwitz das immerstraffer angezogene Netzwerk verliebter Logik zerreißt und dieverfänglichen Konsequenzen des Anbeters mit schalkhaftemAuflachen ad absurdum führt.
Walther hat, wie ich mich vor vielen Jahren nachzuweisenbemüht habe, die lyrische Poesie seiner Zeit allerdings emanzi-piert von erstarrender Tradition und Konvenienz. Er hat sieaus einer Gesellschaftslyrik zu einer mehr persönlichen Lyrikgemacht. Er, der in Wien am Hofe der Babenberger singen undsagen lernte, hat die blutleere Manier des höfischen Minnesangs,wie sie der Rheinländer Friedrich von Hausen, der hochgemutevornehme Vertraute der Staufer und des großen Ministers und