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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

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selbst den Weltenspiegel entreißen und den Liebesspiegel in dieHand drücken.

Dieser Mahnruf, dem der Dichter in tiefer Selbsterkenntnisfolgt, bezeichnet die Grenze seiner dichterischen Kraft aufsbündigste. Goethe ist, wie sehr er sich dem Subjektivismus derliterarischen Revolution, der Romantik, des jungen Deutschlandentgegenstemmte, der Poet des individuellen Daseins geblieben.Er ist schließlich doch nicht der greise Faust, dem die Musik dergrabenden Spaten in der vermeintlichen Hand der dienendenGenossen die höchste Ergötzung bringt.

Soll Goethes Kunst, in ihren Schranken so groß und un-erreichbar, nun wirklich allgemeines Paradigma für die Poesiesein ? Soll, weil er den Weltenspiegel nicht zu halten vermochte,weil er ihn verwandelte in einen Spiegel des häuslichen, desindividuellen Lebens, diese Begrenzung seines Könnens zu dernormalen Eigenschaft des Dichters gestempelt werden? Sollinsbesondere für die Gattung der Lyrik, in der Goethe seinehöchsten Leistungen schuf, nach seinem Beispiel nur derindividualistische Stil zulässig sein? Darf politische Lyrik dieEreignisse des Tages, die Angelegenheiten des Volkes nur alsAbglanz im Leben der Seele des einzelnen großen Menschen,des Führers, des Tonangebers auffangen? Soll sie, wo sie imeigenen Namen redet, immer auch nur Meinungen und Empfin-dungen aussprechen, die ihr Dichter geschaffen hat, die er seinemPublikum austeilt als ungeahntes, überraschendes, göttlichesGeschenk ?

Walthers Liebespoesie, mit der er seine Laufbahn am herzog-lichen Hof zu Wien begann, zeigt selbst auf ihrem späterenkünstlerischen Höhepunkt nur selten den Liebesspiegel im SinneGoethes, noch weniger in der Art der großen romantischen Lyrikerdes 19. Jahrhunderts. Nur wenige seiner Lieder tönen dasinnerste Schwingen und Wogen eines liebenden Herzens mitder elementaren, seelenbewegenden Kraft reiner Lyrik voll undunmittelbar hervor. Nur wenige sind freier Erguß der letztenund tiefsten Heimlichkeit seines Gemüts. Die zartesten Blütenseiner Liebespoesie wachsen ihm nicht im Anger der subjektivenKonfession, des einsamen Selbstgesprächs, nicht in der Dämme-rung träumender Gefühle und gemischter Stimmungstöne,sondern im Garten dramatisch-epischer Umpflanzung, im Lichtedes Tages, das die Konturen schärft.