Der mythische und der geschichtliche Watther 341
Der genialische Werther endet in Selbstmord. Aber denTitanismus des Prometheus korrigiert das Schlußwort der'Pandora' aus dem Munde der Eos: „Die Götter laßt gewähren."Und Wilhelm Meister beschließt ein verworrenes Streben mitder menschlichen, dienenden Rolle des Arztes. Das Dämonische,wie Goethe sagt, das Titanische, wie wir bis vor kurzem sagten,den Übermenschen, wie die neue Narrengemeinde es nennt, ab-zustreifen, das Genie von seinem ikarischen Höhenflug auf dieErde hinabzurufen, danach trachtet Goethe seit seiner Reifeunausgesetzt, das schärft er in immer neuen Konzeptionen ein,das will er der Nachwelt vererben als der Weisheit letzten Schluß.
Aber dieses Menschliche freilich wurzelt für ihn im Persön-lichen. Und aus seiner Persönlichkeit vor allem quoll ihmseine Kunst. Sein eigenes Dasein, sein eigenes Innere hat er amliebsten gestaltet. Versagt war es ihm, das Leben einer Gesamt-heit, einer Volksgemeinschaft, das öffentliche Leben des Staatsdarzustellen. Wie hat ihn die französische Revolution, wie hatihn die Napoleonische Epoche im tiefsten erregt! Aber seinePoesie gibt davon nur flüchtige Reflexe wieder. Den großenpolitischen und sozialen Problemen seiner Zeit kann er nur bei-kommen durch das Medium des persönlichen Lebens, des Indivi-duums und der Familie. Was er von ihnen zu sagen hat, geben,wenn man absieht von seinen verunglückten drei satirischenRevolutionsdramen, seinen Xenien und Epigrammen, dieHeiratsgeschichten Dorotheens und der natürlichen Tochter:jenes im Idyll der deutschen Kleinstadt, dieses im Hofmilieudes deutschen Kleinstaats. Wo es dann galt, aus der Enge dieserSphäre auf die Weltbühne zu schreiten, da stockte seine Arbeit:der großartige Entwurf bleibt kahles Schema, im günstigstenFall entsteht ein gewaltiger Torso. Der Versuch, aus deutsch-französischer Wirklichkeit heraus ein in Straßburg lokalisierteshistorisches Revolutionsdrama mit echter Zeitfarbe und be-stimmtem Zeitkostüm zu schaffen, kommt über zwei Einleitungs-szenen und ein mageres Szenar nicht hinaus. Vergeblich suchtsein westöstlicher Divan die weltgeschichtliche Gestalt Napoleonsin lernendem orientalischem Schleier zu fassen, in der Symbolikdes Ruches Timur. Das Euch brachte es nur auf ein Gedichtund verklang in dem Liebesnamen Suleika. „Laß den Welten-spiegel Alexandern!" „Du! nicht weiter, nicht zu Fremdemstrebe! Singe mir!" — mit diesem Rat läßt er sich von Suleika
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