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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

begriff auf Walther von der Vogelweide übertragen und an diesemMaßstab seine menschliche Größe, sein künstlerisches Verdienstmessen will.

Dieser moderne Dichterbegriff übt leider eine gewisseTyrannei aus über unser literarisches Urteil. Und dabei ist erselbst in den anderthalb Jahrhunderten, die seit seiner Geburtverflossen, tiefer Wandlung ausgesetzt gewesen. Klop stock hatihn geschaffen, die Literaturrevolution des 18. Jahrhunderts aufden Schild ihrer Programme gehoben, Goethe hat ihn durchBekenntnis und Tat bewährt. Aber Goethes Leben und innereEntwicklung ist zugleich ein zäher Kämpf mit diesem Begriff,und seine menschliche und dichterische große Metamorphosewächst hervor aus dessen Überwindung.

Der moderne Dichterbegriff sieht in dem Dichter das singu-lare geniale Subjekt, einsam, erhaben über der Menge, den Königim Beiche des Geistes und der Seele, den Schöpfer einer neuenWelt, den originalen Verkünder höchster Menschheitsoffen-barung. Die Doktrin und die Poesie der deutschen Bomantik,des Lord Byron und des jungen Deutschland hat diese Lehrenund Ahnungen der Geniezeit sich angeeignet, weiter gebildetund auf die Spitze getrieben. Seit der Mitte des 19. Jahrhundertserobert das romantisierte Dogma vom genialen Menschen alleBereiche des geistigen Lebens: das künstlerische, das religiöse,das politische, das sittliche. Die Namen Ludwig Feuerbach,Max Stirner, Bichard Wagner, Henrik Ibsen bezeichnen dieStaffeln dieses Siegeszugs, der schließlich in dem Dysangeliumvom Übermenschen und in der Neuromantik der Symbolistenan dem ehernen Grenzwall der Natur sich die Stirne zerschellt.

Goethe rettete sich aus dieser reißenden Fahrt in hartemMühen an das feste Land. Sein 'Faust' dringt aus der Isoliertheitder Gelehrtenstube und aus dem Selbstgenuß magischer Natur-und Weltbeherrschung auf die sturmumwehten Deiche derNordsee, um von hier aus das tobende Element zu bekämpfen,in Ackerland zu verwandeln, und genießt im Vorgefühl gemein-nütziger Arbeit und des aufopfernden Zusammenwirkens miteinem freien Volk den höchsten Augenblick. Goethes eigeneLebensbahn ging in gleicher Bichtung: in seinem Denken undDichten, in seiner ganzen Existenz zeigt er, je höher er im Mensch-lichen wächst und emporsteigt, stufenweise die Überwindungder Isolierung des Ichs, des prometheischen Subjektivismus.