Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
339
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Der mythische und der geschichtliche Walther 339

Man hat deshalb wohl Walther geradezu modern, deneinzig modernen unter allen mittelalterlichen Dichtern genannt.Man hat seine Dichtung, weil sie zum größeren Teil eine fort-gesetzte persönliche Konfession momentaner Eindrücke zu seinscheint, der Dichtung Goethes, des persönlichsten aller modernenPoeten, an die Seite gesetzt.

Gewiß ist es nicht schwer, eine Art innerer Verwandtschaftzwischen diesen beiden großen deutschen Gelegenheitsdichternfestzustellen. Beide sind ja sonntägliche Menschen, beide naiveNaturkinder der Poesie. Beiden eignet eine unvergleichlicheRezeptivität, das nahe intime Verhältnis zu den Schätzenvolksmäßiger, plastischer Bildlichkeit der Rede, der leichte Flußsangbaren, sprachlichen Ausdrucks. Es fehlt sogar nicht an auf-fallenden Anklängen in einzelnen Gedanken und ihrer stilistischenEinkleidung: wer scharf zusieht, kann durch manch über-raschendes Beispiel derartige heimliche .Verbindungsfädenzwischen den beiden aufdecken.

Historische Analogieen nachdrücklich hervorzuheben bringtder wissenschaftlichen Erkenntnis den größten Nutzen. Meisterder geschichtlichen und literaturgeschichtlichen Forschung, wieGervinus, Mommsen, Wilhelm Scherer, haben das durch ihrglänzendes Vorbild bewährt. Aber das Aufsuchen und Durch-führen historischer Analogieen hat auch seine schweren Gefahren:an dem Vergleich Walthers und Goethes ist etwas Wahres; ernstgenommen führt er jedoch gänzlich in die Irre, zum Mythos.

Vor mehr als zwanzig Jahren habe ich selbst versucht,Walthers Liebespoesie aus dem mythologischen Wahn der Schul-weisheit heraus in das freie Licht realistischer, d. h. wahrhaftgeschichtlicher Betrachtung zu rücken. Man hatte des Dichtersbewegtes Herzensleben und seine vielstimmige Phantasie aufden Draht schematisch pedantischer Konstruktion ziehen undan zwei leere Phantome, ein jahrzehntelanges Minneverhältniszu einer vornehmen Dame und eine einmalige kurze Liebschaftmit einem süßen Mädel, hängen wollen. Dagegen lehnte ichmich auf: für die Psychologie des Dichters und die Psychologieder poetisch abgespiegelten Liebe rief ich Goethes Beispiel zuHilfe. Hier handelte es sich um das Ewige, Unwandelbare, denKern echter poetischer Wahrheit, um das, was in aller großenPoesie zu allen Zeiten gleich ist. Aber ein verhängnisvollerIrrtum entsteht, wenn man den ganzen modernen Dichter-

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