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Literatur und Kunst des Mittelalters
über den jungen Heinrich, den Sohn Friedrichs II. Man dichteteihm alle möglichen Beziehungen zu hohen und mächtigen Per-sonen an. Und von anderer Seite wieder machte man ihn zueiner Art mittelalterlichem Luther oder Hütten, zu einem be-wußten Reformator der entarteten Kirche, zu einem unkirch-lichen Freigeist.
Solche naiv tendenziösen Auffassungen sind allerdings ausdem Bereich der wissenschaftlichen Forschung jetzt wohl end-gültig verschwunden. Aber sie dauern fort in politischen natio-nalen Festreden und in Artikeln einer gewissen, aus patriotischenGründen unbewußt die Geschichte fälschenden Presse. In denweiteren Kreisen des Publikums wirkt diese Beleuchtung desDichters immer noch und nur zum Schaden der reinen Teil-nahme an seiner Poesie. Seitdem sein Name ein national-politisches Signal geworden ist, hat er wohl an Berühmtheit, aberhaben seine Gedichte nicht an treuem und unbefangenem Ver-ständnis, nicht an derjenigen Liebe gewonnen, die sie aus ihremeigenen Kern und Wesen begreifen will.
Aber es sei: meinArgwohn mag unberechtigt sein, die Kennt-nis der Poesie Walthers mag in der Tat doch unbefangener undtiefer sein als meine zufälligen Erfahrungen es mir gezeigt haben;darin glaube ich mich nicht zu täuschen: seine Person und seinLeben behalten selbst für die hingebenden Leser seiner Ge-dichte, ja selbst für die gelehrten Forscher, die ihn zum Gegen-stand ihrer Studien gemacht haben, etwas Schattenhaftes.
Wohl gewahren wir bei Walther mehr als bei irgend einemandern mittelalterlichen Dichter ein lebhaftes, subjektives Ele-ment, eine selbständige große Individualität, ein leidenschaft-liches, sonniges Temperament, eine nervöse Erregbarkeit undEindrucksfähigkeit. Mit seinem neckischen Humor, mit demSpiel seiner Anmut und Schalkhaftigkeit lacht er uns in dasHerz. Wir sehen und fühlen: das ist ein ganzer, voller, warmerMensch, dem die Zunge oft durchgeht mit der Besonnenheit.Er vermag, was den meisten Dichtern des Mittelalters versagtwar, seinem poetischen Stoff aus dem eigenen Innern Gehaltund Form zu geben. In seinen Gedichten ist alles klar, scharfgegliedert, festumrissen, körperhaft und in den besten auchalles Bewegung und Leben, frisch und neugeboren, als stündedahinter weder literarische noch soziale Tradition und Kon-venienz.