Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
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337
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Der mythische und der geschichtliche Walther 337

Der Sänger, der in seinen Gedichten wiederholt so beweglichüber seine Obdachlosigkeit und sein unstetes "Wanderleben klagt,er bleibt demnach für uns ein Heimatloser: wir wissen nicht,wo er die Augen aufschlug und zuerst aus Welt und Leben diebunte Gestalten- und Farbenfülle einsog, die sich in seiner Poesieabspiegelt.

Der Heimatschein aber, den das Denkmal an der tirolischenSüdgrenze deutscher Kultur ausgestellt hat, ist falsch. Das lichteMarmorbild in Bozen schiebt dem wirklichen, dem historischenWalther ein Traumbild unter. Es besteht die Gefahr, daß diesesTraumbild sich auch in die Auffassung von Walthers dichte-rischem Werk eindrängt.

Oft genug hat man in der Tat trügerische Spuren tirolischerAbkunft auch in seinen Gedichten entdecken wollen. Die wunder-volle große Palinodie an der Wende seines Lebens, die aus derKlage über die verschwundenen Jahre den Aufblick gewinntzu dem himmlischen Lohn der Kreuzfahrt, der ewigen Krone,hat moderne Sentimentalität hinabdrücken wollen zu einemelegischen Erguß über die Verwandlung der lange entbehrtenund wehmütig wieder begrüßten tirolischen Heimat mit ihrenWäldern und Bergwassern.

Auf den gesamten Charakter des Dichters, der mit seinerPersönlichkeit wie mit seiner Kunst ein Kind des Mittelalters ist,wirft jenes Volksmonument von Heinrich Natters stilisierenderHand auf dem Bozener Markt einen mythologischen umfärben-den Dämmerschein. Je mehr das moderne nationale und poli-tische Ideal, das seine Urheber in ihm verkörpern wollten, derallgemeinen Anschauung sich einprägt, desto weiter wird es diewahre, echte Poesie des geschichtlichen Walther in ihrer viel-tönigen Mannigfaltigkeit von uns abrücken, desto sicherer ent-fremdet es uns deren ursprüngliche Kraft und wahren Sinn.

Auch die wissenschaftliche Forschung ist hiervon eine Zeit-lang berührt worden. Man bemühte sich auch in ernsthaftenUntersuchungen, den Dichter hinaufzuschrauben zu einemschöpferischen Führer der realen Politik seiner Zeit. Er sollteein Reichsdienstmann gewesen sein, also dem Stande angehörthaben, aus dem die höchsten Reichshofbeamten der staufischenPeriode hervorgingen. Dann erfabelte man ihm eine verant-wortungsvolle Vertrauensstellung neben dem ReichsverweserEngelbert oder eine Art Erzieherschaft und Vormundschaft

Burdach, Vorspiel.

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