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Literatur und Kunst des Mittelalters
Sitte aufgestellt, weist er zunächst hin auf jene Stätte, wo dieaug landsmannschaftlichem Hochgefühl entsprungene TirolerSage ihm sein Heim bereitet hat.
Wenige Stunden den Eisackfluß aufwärts, über dem vonWaidbruck nach Osten abbiegenden Grödnertal, liegen hochauf Bergesabhang, im sogenannten Layener Ried, zwei Gehöfte,die noch jetzt den Namen Zur Vogelweide führen. Einsdavon, das untere, gilt für sehr alt. Es schien sich durch gewisseauf ihm haftende Zehnten als alter Rittersitz zu kennzeichnen,und man glaubte, einen im 15. Jahrhundert urkundlich auf-tretenden Stephlein von Vogelwayd als den ritterlichen Besitzerund als Nachfahren des Dichters ansprechen zu dürfen. Manmalte es sich mit freudiger Genugtuung aus: hier oben, wo derentzückte Blick über Gebirg und Täler der herrlichen TirolerWelt schweift, hat die Wiege des Sängers gestanden, in dessenLiedern man die Pracht des deutschen Mais klingen hört. Alleinvor kurzem ist auf Grund genauerer Durchforschung der altenKatasterbücher außer Zweifel gestellt worden: dieser Stephlein,der 1431 mit jenem Hof belehnt wurde, war, ein freier Bauer,kein Ritter, und hieß wahrscheinlich ursprünglich Steffi Hüttaler;im Jahre 1414 hatte er, wie es scheint, den Hof gekauft, der sichauch früher nur in Besitz von Bauern befunden hatte, undänderte dann nach diesem Hof seinen Namen.
Das angebliche alte tirolische Rittergeschlecht von derVogelweide löst sich also in Dunst auf.
Indessen selbst wenn es sich hätte nachweisen lassen, fürdie Abstammung Walthers wäre damit in den Augen der vor-urteilslosen Wissenschaft noch nichts gewonnen gewesen. Nachseinem Beinamen 'von der Vogelweide' kann seine Familieüberall da ansässig gewesen sein, wo es eine Vogelweide gab.Vogelweide hieß aber jeder Platz, an dem Vögel zu Jagdzweckengehegt und gefüttert wurden, und solche Stellen, oft verbundenmit einem Hof, dem ein Dienstmann vorstand, lagen in der Nähevon adligen Herrensitzen allerorten in Deutschland. So könnenwir denn bald den Ortsnamen, bald den Geschlechtsnamen Vogel-weide seit dem 14. Jahrhundert in Ober- und Niederösterreich, inOberbayern, in der Steiermark, im schweizerischen Thurgau, inFrankfurt am Main, in Würzburg, im böhmischen Dux belegen.Jede dieser zahllosen Vogelweiden könnte, an sich betrachtet, dieUnterlage zu dem Familiennamen Walthers geliefert haben.