Der Ursprung d-es mittelalterlichen Minnesangs 329
Spitze des politischen und geistigen Lebens traten. Ein Lob-dichter der Barmekiden, jener bis zu ihrem Sturz durch Harunar-Raschid allmächtigen Wesirfamilie persischen Stammes,auf die Goethes Motto zu seinem Westöstlichen Divan bedeut-sam hinweist, bearbeitete in ihrem Auftrag den ersten historischenRoman und die indischen Erzählungswerke Kaliiah und Dimnah,Barlaam und Joasaph in Versen. Sie überstrahlte dann derPerser Ibn al Muqaffa (f 727) mit seinen arabischen Prosa-bearbeitungen dieser Erzählungsstoffe (Brockelmann 1901,'S. 95f.). Persische Muster liegen auch den volkstümlichenalten Liebesromanen zu Grunde, die berühmte Liebes-paare vorführten. Wie oben (S. 318 Anm. 1) bereits zur Sprachekam, haben wir aus griechischen Quellen Kenntnis von solchenpoetischen romantischen Liebesgeschichten bereits für diealtpersische Zeit. Die durch Athenaeus nach Chares von Mytilene,einem Hofbeamten Alexanders d. Gr., überlieferte Erzählungvon Zariadres, dem Bruder des Mederkönigs Hystaspes, und derschönsten asiatischen Königstochter Odatis, die sich ineinanderverlieben, indem sie wechselseitig im Traum ihr Bild erblicken,kehrt wieder im Schächnäme des Firdüsi (Rohde a. a. 0.,S. 45ff.). Andere noch berühmtere Liebespaare, die Goethe mitrichtigem Blick als Paradigmen orientalischer Erotik dem'Buch der Liebe' seines Westöstlichen Divan ('Musterbilder'und 'Noch ein Paar', s. meinen Kommentar Jub. 5, S. 342—345)vorgesetzt hat, sind Medschnün und Leilah, Dschenin undBoteinah Jüsuf und Suleicha, Ferhäd und Schirm, Wamikund Asra. Berühmt auch Bechrämgür und Diläräm (gleichfallsin Goethes Divan gefeiert, s. meinen Kommentar S. 395). Ge-meinsam diesen Liebesgeschichten, von denen die letzten dreialtiranische Stoffe enthalten, alle aber ihre Gestaltung alsLiebesromane persischen Dichtern dankten, ist die Überspannungdes Gefühls, das Fatalistische, Unbezwingliche, Tragische, senti-mentalisch Schmachtende, Trauervolle der Liebesleidenschaft,in der das Verlieben in die Ferne, auf ein Traumbild oder eineBeschreibung hin ohne persönliche Bekanntschaft, typischesMotiv ist (Hörn a. a. 0., S. 177ff.). Nun werden aber die Heldendieser auch in die arabische Literatur übernommenen Liebes-romane früh als Urheber von Liebesliedern angesehen. Dschemilund der liebeswahnsinnige Medschnün erscheinen auch in unserenLiedersammlungen als Verfasser erhaltener Liebesgedichte