Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 319
ländischen Minnesang typische Motiv der huote, der merkerherleiten. * Ein anderes dem Minnesang geläufiges Motivbringt in des Musaios Gedicht von Hero und Leander derVers, der das Auge Tor der Liebe nennt (BrieflicherHinweis M. H. Jellineks) 1 ). *
* Aus der Liebesnovelle Hero und Leander in der Dar-stellung der 18. und 19. Heroide Ovids haben die alteng-lischen elegischen Gedichte des Exeterbuchs, die so-genannte 'Rede der Frau', 'Klage der Frau' oder 'erste undzweite Mädchenklage' und die 'Botschaft des Gemahls' nachForm und Inhalt geschöpft 2 ): Situation und Stimmung habenhier den Ton der lyrischen Sehnsucht und Romantik, derallerdings ein Vorklang der späteren mittelalterlichen Minne-dichtung genannt werden kann. *
Als Brücke, über die das literarische Schema jener helle-nistischen galanten Hofpanegyrik an fürstliche Frauen in diearabische Dichtung eingedrungen sein kann, kommt die per-sische und die byzantinische Poesie in Betracht. Daß dieAraber Hofzeremoniell und Hofsitten, ihre höfische Kultur inAnlehnung an die beiden großen benachbarten Rivalen, diepersische und die byzantinische Welt, entwickelt haben, stehtfest. Der schon erwähnte arabische fürstliche Dichter Imruul-qais aus vorislämischer Zeit kann als Typus gelten für diesezweiseitige Berührung der jungen arabischen Literatur mit denbeiden Erben des hellenistischen Geistes (s. oben S. 292).Dieser „irrende König", wie ihn die Araber nennen, ist in seinemLeben und seinem Tode, in seinen Kriegs- und Liebesabenteuern„von einem poetischen Zauber umwebt" (Aug. Müller, DerIslam 1, S. 18f.). Er gedenkt in seinen Gedichten der griechischenMarmorstatuen in den prächtigen Palästen. Und sein Toderglänzt im Lichte der hellenischen Heraklessage. In seinen von
* *) V. 94: öcpftaXuög ö' ööög iavi- öl' öq>da?.iAOio nvXäav xäV.og öXlo-flatvei xal inl (pgivag ävögög öös-ösl. Zwar ist öl' öcpdakßoio nvlämv Emen-dation K. Diltheys für an ötpftakßoio ßoXdcov, aber gesichert durch eineStelle bei dem Alexandriner des 3. Jahrhunderts (s. oben S. 282Anm. *) Achilles Tatius und Parallelen aus Maximus Tyrius.
* 2 ) R. Imelmann, Forschungen zur altenglischen Poesie, Berlin,Weidmann 1920. Der dagegen von Karl Brunner, Archiv f.neuere Sprachen Bd. 142 (1921), S. 258f. erhobene Widerspruch über-zeugt nicht.