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Literatur und Kunst des Mittelalters
stinnen mit Männern bürgerlichen Standes ein beliebtes Motivwaren 1 ).
Ein Typus hellenistischer Liebesnovellen zeigt sich in derGeschichte von Hero und Leander. Erhalten ist er uns nurin der Nachdichtung der beiden ovidischen Episteln (18. 19) desNonnos-Schülers Musaios (5. Jahrhundert). Möglicherweise hatauch diese Liebesfabel persischen Ursprung (Rohde a. a. 0.S. 139 Anm.). Zwar geht es nicht an, mit Schläger (oben S. 279Anm.) aus ihr allein die ganze poetische Gattung des mittel-alterlichen Tagelieds abzuleiten. Aber allerdings beweist sie,wie bereits innerhalb hellenistischer Kunst jenes typische Motivromantischer Erotik, daß der Liebende unter heldenhafterÜberwindung furchtbarer Gefahr die verborgene, abgeschlossene,bewachte, von Sitte und Willen der Verwandtschaft ihmversagte Geliebte zu finden weiß und mit ihr heimlich dieWonne der Liebe auskostet, auch als Tageliedszene vorgeführtwird, und wie sich daran weitere Einzelzüge angesetzt haben,die später im Minnesang des Abendlandes ständige Situations-bilder des Tage- und Wächterliedes sind (Epistel 18, V. 105 bis118): das nochmalige, letzte Aufflammen der Leidenschaft inhastigen Küssen (Oscula congerimus properata sine ordine raptim),als der Vorbote der Aurora, der Morgenstern, Tages-anbruch und Scheiden kündet; die Klage über dieKürze der Nacht; das Hinzögern des Abschieds; das zurEile mahnende Drängen des hilfreichen Wächters (hierder Amme); schließlich die Trennung unter Tränen (digredi-mur flentes). Und wenn bei den römischen Elegikern das Motivder Bewachung der Geliebten durch Gatten, Eltern, Verwandteoder auf deren Befehl häufig und durchaus in typischer Formvorkommt, ohne Beziehung auf eine Tageliedsituation, so möchteich auch dies als einen Reflex hellenistischer poetischer Traditionbetrachten und daraus mittelbar das im arabischen und abend-
x ) Vgl. die romantische Liebesnovelle von dem Meder Stryangaeusund der Sakerkönigin Zarinaea (Ktesias), der milesischen KöniginKleoboea und Antheus aus Halikarnaß (Aristoteles), der odomantischenFürstentochter und Klitus (Theagenes, Hegesipp), von der Tochter desmassiliotischen Barbarenkönigs Nanus und dem Phokäer Euxenus(Aristoteles, Justin): Rohde S. 39. 40. 41. 44; E. Schwartz,Fünf Vorträge über den griechischen Roman, Berlin, Reimer, 1896,S. 63f. 70—72 (wo aber für die nach Asien verlegten Liebesnovellenionischer Ursprung angenommen wird).