Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 317
Lyrik vorgetragen, also eine Gattung angewandt habe, für dieuns in der vom hellenistischen Epigramm abstammendenrömischen Liebeselegie Reflexe vorlägen, das wissen wir nicht 1 ).Auch davon fehlt uns die Kunde, ob diese hellenistische Hof-panegyrik etwa Anregungen geschöpft hat aus der uns noch heuteseit dem 4. vorchristlichen Jahrhundert sicher erschließbarenromantischen Liebesfabel der Perser, in der innigleidenschaftliche Liebesbündnisse von Königinnen und Für-
l 1 ) Den sentimentalischen, romantisch-galanten und subjektivenCharakter der hellenistischen Erotik hat seitdem die Forschung der letztenJahrzehnte in helleres Licht gestellt. Daß schon Euripides diesenCharakter vorbereitet, indem er z. B. in seiner 'Andromeda' die alteHeroensage zu einem Liebesmärchen erweicht, die Befreiungstat desPerseus als Kampfspiel des Eros gestaltet und den Helden zu einemromantischen Ritter macht, hatte bereits Rohde a. a. O. S. 33 betont.Jetzt geben eine zusammenhängende Darstellung der hellenistischenLiebespoesie Hr. von Wilamowitz (nach vielen voraufgegangenenaufklärenden Einzelbeiträgen) in Hinnebergs 'Kultur der Gegenwart',Teil I, Abt. VIII 2. Aufl. (1907), S. 91. 120—123. 126f. 141—144 undErich Bethe in Gercke-Nordens 'Einleit. in d. Altertumswissensch.'Bd.l, 2. Aufl. (1912). S. 160. 173—176. 178. Für unser Problem ist,glaube ich, Folgendes von entscheidender Bedeutung: in der hellenistischenLiebeslyrik stehen Epigramm und Elegie eng nebeneinander und, ver-eint durch das gemeinsame Versmaß, das elegische Distichon, rinnen sieauch nicht selten völlig zusammen, wie denn aus diesem Zusammenhangdie römische Liebeslyrik hervorgeht. Ganz ebenso besitzt die arabischeLyrik von Anfang an beide Gattungen nebeneinander: sie hat sie offen-bar, wie wohl auch den distichischen Bau, aus der hellenistischen Kunstübernommen. In der hellenistischen Lyrik waltet ein sympotisch-erotischer Grundzug: an Zechgenossen richten sich viele dieser Liebes-lieder. Genau das Gleiche gilt von der arabischen Lyrik. Dadurch istdieser Liebeslyrik der Charakter einer Gesellschaftspoesie gegeben.Aber der abendländische Minnesang hat, wenigstens seit seiner vollenAusbildung, das erotische Element als vollkommen selbständig abgelöstund jede ausgesprochene Beziehung auf eine trinkende Männergesellschaftvermieden. Die Übereinstimmung hingegen der arabischen Lyrik mitder erschlossenen hellenistischen scheint mir sehr viel weiter zugehen. So gut man aus der philosophischen, medizinischen, natur-wissenschaftlichen Literatur der Araber noch die zugrunde liegendengriechischen Originale und Vorbilder zu erkennen und gegebenen-falls zu rekonstruieren vermag, wird man, dünkt mich, bei metho-dischem Bemühen auf dem Wege philologisch-literarischer Stilanalyse,auch die arabische Lyrik benutzen können, um aus ihr unseremnebelhaften Bild der verlorenen hellenistischen Lyrik festere Formenzu gewinnen.]