Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 313
altarabischen Kasside mit neuem Blut erfüllt. Das starre Schemalockerte sich. Die Auswahl und die Gestaltung der ererbten Motivewurden freier und straffer. Die in einer festen Phraseologie,in vorgeschriebenen Gleichnissen erstickende Sprache schöpftefrischen Atem aus der volkstümlichen Sprache, aus den Dia-lekten. Die Hauptsache aber war wohl der metrische Umschwung:der Übergang vom distichischen Bau zum strophischen,von gepaartem Reim oder Einreimigkeit zur Mehrreimigkeit inverschränkter Reimstellung. Das gab die Grundlage für dieStrophenform der abendländischen Minnelyrik.
Doch ist neben diesen beiden neuen freien Liedgattungendes sarazenischen Spaniens auch noch eine ältere Quelle volks-tümlicher Lyrik festzustellen und in Anschlag zu bringen: diekleinen Liebeslied chen, die seit dem 8. Jahrhundert in derliterarischen Dichtersprache, aber in volksmäßiger Form unserhalten sind und den späteren lyrischen Einlagen in 'Tausendund Eine Nacht' gleichen (Brockelmann 1901, S. 65). Da siemeist an bestimmte Personen der romantischen Sage geknüpftsind, führen sie aus der reinen Lyrik hinaus und weisen auf daswichtige Problem der alten Wechselbeziehung zwischenLiebeslied und Liebesroman. Davon wird noch späterzu reden sein.
Die nächste weitere Frage ist dann, um mit dem wackernalten Bodmer (Sitzungsberichte 1918, S. 860, 'Vorspiel' Bd. 2)zu sprechen:
„Und woher haben die Spanier ihre Poesie empfangen;wenn von den Mohren, wem waren die Mohren selbige schuldig ?Und so kann man weiter fragen, bis man zuletzt sagen muß:von einem Volke, welches ihr den Ursprung in seinem eigenenSchöße gegeben hätte" (Neue Kritische Briefe, Zürich 1749,11. Br., S. 69).
Auf Bodmers Frage ist freilich eine Antwort schon durch dievorstehende Untersuchung gegeben. Dies elegisch-panegyrisch-
von Cordova (888—912), wenigstens in wirksamer Weise an der Aus-gestaltung dieser neuen Form beteiligt war, ist ohne große Bedeutung.Beachtenswert ist aber die von Hammer mitgeteilte Charakteristik, diezugleich die Bedeutung des Namens ('Gürtelgedicht') verständlichmacht, aus Maqqaris Werk: Muwaschschach „d. i. Gedichte, in denendie Reime verschränkt, wie in den Halsbändern und Gürteln derFrauen Perlen und Edelsteine mit Gold und Silber abwechseln".
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