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1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
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311
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Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 3H

ein Zeugnis für die unwiderstehliche Verbreitungskraft ihreskünstlerisch menschlichen Gehalts, wie es stärker sich nichtdenken läßt.

Es mag anderseits auch die leidenschaftlich vibrierendeGefühlsinnigkeit des spanischen Christentums, die sich in der"Wonne der Gottesliebe berauscht und das Martyrium mit alt-christlicher Inbrunst als höchsten Triumph ersehnt, zurück-gewirkt haben auf die muslimische Lyrik und in dieser dem über-lieferten Schema der erotischen Elegie jenen Hauch von Zart-heit, Reinheit und Gemütswärme eingeflößt haben, der sie überdie arabische Poesie des Ostens erhebt. Es ist, als ob auf diesemspanischen Boden das Visionäre und Ekstatische, das glutvolleHeldentum des Martyriums unter Sarazenen und Christen ingleicher Weise l ) so stark und früh sich entfaltet hat wie nirgendsonst. Die seraphische Christin Flora und ihr zelotisch amIslam hängender Bruder zeigen in derselben Familie, wie hierin beiden Lagern der Glaubenskampf mit jähem Ungestüm undhöchstem Schwung der Seele durchgefochten wurde. Ob injenem spanischen Christentum westgotische oder gar altiberischeStammeseigenheiten nachwirken, bleibe dahingestellt.

VII.

Ich glaube demnach, man darf mit der Möglichkeit rechnen,daß diese panegyrischen Huldigungen zu Ehren fürstlicherFrauen, wie sie die arabischen Hofpoeten der andalusischen iHerrscher seit dem 9. Jahrhundert ausübten, jenes gesuchte 1literarische poetisch-soziale Schema bieten, das der werdendeprovenzalische Mitwesang, der neue Minnedienst und der roman- itische Liebesbegriff der höfischen Romane übernommen hat. IEs finden sich darin die wesentlichen Bestandteile der neuen -abendländischen Gesellschaftspoesie: die neue Auffassung desWeibes, der neue vergeistigte, schwärmerisch-sinnliche Ausdruckfür die geschlechtliche Liebe, die neue soziale Rolle der verhei-rateten Frau, das neue Gesetz des Frauendienstes, der heimlichenMinne und des Namenverbots, das Motiv der trauernden,schmachtenden, vielfach unglücklichen Liebe, die typische Liebes-klage, der Stolz auf das Liebesleid, die Virtuosität des minnig-

x ) Vgl. über diesen beiderseitigen religiösen Enthusiasmus inSpanien Schack a. a. O. I, S. 139148.