Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
310
Einzelbild herunterladen
 

310

Literatur und Kunst des Mittelalters

neuen poetisch-gesellschaftlichen Bildung und Konvenienz warein Perser. Das ist eine für das Verständnis der Entwicklungs-geschichte der neuen lyrischen Hofkunst bemerkenswerte Tat-sache.

Jachjä und Sirjäb, die beiden feindlichen Hofliteraten,zeigen uns eine neue Mischung künstlerischer, dichterischer,sozialer Triebe, die uns dann in der neuen Minnepoesie und in denLiebesromanen der abendländischen Hofgesellschaft wieder-begegnet. Es ist ein neues Lebensideal, das jene beidenNebenbuhler vertreten. Und dieses Lebensideal setzt sich fürmoderne Begriffe befremdend zusammen aus Elementen, diesich nach unserer Meinung widersprechen: äußerliche Begeln desSchicklichen, der Verfeinerung und Verschönerung aller mate-riellen Güter und Genüsse durchdringen sich mit einer Ver-geistigung des gesellschaftlichen Verkehrs, die allerdings nurin dem engen Rahmen einer allgemeingültigen Konvenienz er-folgt, zugleich aber auch mit einer Befreiung des künst-lerischen Gefühls, mit einem großartigen Bekenntnis zueinem geheimnisvollen, dämonischen Offenbarungscha-rakter aller musikalisch-poetischen Eingebung. Die Dichterund Musiker sind als Hofpoeten, ja als besoldete Hofbeamte undSekretäre die Führer, Tonangeber, Lehrer einer neuen, die Höfebeherrschenden, die Fürsten mitreißenden, die fürstlichenFrauen entzückenden weltlichen Lebensanschauung. Und überdieser leuchtet als Sonne die Minne, die innige und zarte, an-dächtige, geduldig werbende, klagende, dienende, leidenschaft-liche Hingabe an eine edle, hochstehende, mächtige Frau.

Zu gleicher Zeit, wo diese neue geistige literarische Hof-kultur im Kreise der muslimischen Fürsten und AristokratenSpaniens ihr Szepter schwang, bekämpfte ihre suggestiveWirkung unter den Christen Spaniens der oben (S. 306, Anm. 2)genannte Eulogius. Aber er, der die nationale Ehre der christ-lichen Spanier dagegen aufreizt und seine Stammesgenossendurch die antiken Schriftsteller Spaniens zum Widerstandentflammen will, gibt sich selbst einem enthusiastischen geist-lichen Freundschaftsverhältnis hin zu der muslimischen ChristinFlora, das in seinem durchaus lyrischen Ausdruck (Dozy 1,S. 320) als eine Art Seelenminne erscheint und, wie ich glaubenmöchte, angesteckt ist von der schwärmerischen Erotik dermuslimischen Hofpoesie. Stimmt man mir zu, so gewinnt man