Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 309
ihre Sitten anziehend zu erzählen. Höher noch geschätzt wurdesein Geist, sein Geschmack, die Feinheit seiner Manieren 1 ).Ein höfischer, verfeinerter und veredelter Vorläufer also des imMeister Trougemund erscheinenden deutschen Spielmannstypus.Er war in Bagdad unter Harun ar-Raschid von einem berühmtenMeister der Sangeskunst ausgebildet worden, hatte diesen aberüberflügelt und mußte seiner Eifersucht weichen. Er besaßoffenbar ein Genie, das sich sofort durchsetzte. , ; Er ist besessen",sagte sein von Neid und Angst erfüllter Lehrer, als er ihn glück-lich entfernt hatte, von ihm zum Chalifen, ..er gibt an, daßGeister mit ihm sprechen und ihm die Melodien eingeben, welcheer komponiert; er ist so stolz auf sein Talent, daß er glaubt,nicht seinesgleichen auf der Welt zu haben". Und in der Tat sollSirjäb im Schlaf Geister singen zu hören geglaubt und dann dieMelodien mit einem von ihm dazu gedichteten Text jungenMädchen gelehrt und aufgeschrieben haben. Dieser seltsameMann gewann über den schwachen Emir von Cordova die größteMacht und hatte am Hofe einen beherrschenden Einfluß, über-ließ aber die politischen Angelegenheiten der Sultanin Tarüb.Er ist vielleicht das sprechendste Beispiel für die Bedeutung derästhetischen Kultur in dieser neuen Hofsitte. Der Dichter undKomponist hinreißender Lieder ist zugleich die höchste Autoritätin allen Fragen der höfischen Eleganz. Und dieser Herold einer
x ) Dozy, a. a. O. I, S. 302—306: „Niemand war wie er geübt inwitziger Unterhaltung, niemand besaß in so hohem Grade Gefühlfür das Schöne und Kunstsinn, niemand kleidete sich mit so vielAnmut und Eleganz, niemand verstand es so gut wie er, ein Fest oder einGastmahl anzuordnen. Man betrachtete ihn als einen außergewöhn-lichen Menschen, als ein Ideal in allem, was guten Ton be-trifft , und in dieser Beziehung wurde er der Gesetzgeber des arabischenSpanien. Die Neuerungen, welche er schuf, waren kühn und zahllos,er bewirkte einen völligen Umschwung in Sitten und GebräuchenFrüher hatte man das Haar lang und an der Stirn gescheitelt getragen;man hatte sich bei Tisch goldener oder silberner Gefäße und Tischtüchervon Leinen bedient. Jetzt trug man das Haar rund um den Kopf ab-geschnitten; die Gefäße waren von Glas, die Tischtücher von Leder;so wollte es Sirjäb. Er schrieb die verschiedene Art der Kleidung vor,welche man zu jeder Jahreszeit tragen solle; er lehrte die spanischenAraber, daß Spargel ein vortreffliches Gemüse seien, . . . mehrere vonihm erfundene Gerichte haben seinen Namen behalten; man fing an,sich nach ihm bis in die kleinsten Kleinigkeiten des eleganten Lebenszu richten."