Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 307
Alle diese Tatsachen benutzt Graf Schack dann aber nur,um einen Einfluß der arabischen Poesie auf die spanische Volks-dichtung, die Romanzen, nachzuweisen, den ja schon WilhelmSchlegel behauptet hatte s. Berlin. Sitzungsberichte 1918, S.864LAnm. 2, wieder abgedr. 'Vorspiel' Bd. 2) 1 ).
Das eigentliche geschichtliche Problem liegt aber natürlichim frühen Mittelalter und betrifft das Verhältnis des Minnesangsder provenzalischen Trobadors zu der Liebespoesie der Araber.Diesen Kernpunkt berührt Graf Schack in jener Untersuchunggar nicht, und an anderen Stellen seines Buches, wo er dochauf ihn geführt wird, weicht er einer schärferen Blickeinstellungund genauen Beleuchtung mit einem allgemeinen Verzicht aufdie Entscheidung der Frage aus. Und doch bietet er selbst geradeeinige Zeugnisse über die arabisch-spanische Hofpoesie, die alsSchlüssel des Problems dienen dürfen. Mir wenigstens brachtensie vor Jahren, nachdem zuerst Schacks Normannenwerk, worindas eine dieser Zeugnisse wiederholt ist 2 ), mich darauf hinge-wiesen hatte, geradezu eine Erleuchtung und gaben mir zu dervorliegenden Untersuchung die erste Anregung.
In einem Abschnitt, der von den besoldeten Hofdichternder spanischen Omaijaden, die diese nach dem Beispiel ihresöstlichen Ahnherrn Jesid I. anzustellen pflegten, handelt unddabei hervorhebt, daß auch einzelne spanische Machthaber, wieder seit 899 in Sevilla mit fast königlicher Gewalt herrschende
leicht Religion, Sprache und Sitten ihrer Herren an, manche erhielten einegute Ausbildung, legten Bibliotheken an und dichteten Verse, wurdenmit wichtigen militärischen und bürgerlichen Ämtern betraut; unterAbderrachmän III. gab es deren bereits viele Tausende: D o z y a. a. 0.1S. 38f.; August Müller, Der Islam 2, S. 5111.
x ) Die beiden übereinstimmenden poetischen Motive, die Schackzum Beweise anführt, sind freilich ohne Gewicht: sowohl die Stadt alsBraut, um die der Eroberer wirbt (Bd. 2, S. 115ff.), als die Klage dertreuen verwitweten Turteltaube (S. 130ff.) gehen sicher nichtauf die arabische Poesie Spaniens zurück, sondern haben einen vielälteren Ursprung und ein viel weiteres Verbreitungsgebiet. Jenes Motivwurzelt in alttestamentlicher und antiker Tropik, dieses ist gemein-europäisch (vgl. jetzt meine Darlegung im Kommentar zu Bernts undmeiner Ausgabe des Ackermann aus Böhmen, Vom Mittelalt. z. Refor-mation III, 1, S. 185—196).
2 ) Graf von Schack, Geschichte der Normannen in SizilienBd. 1, Stuttgart 1889, S. 29.
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