Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 305
entschwundenen Geliebten, in Verbindung mit dem minniglichenantithetisch spielenden Zukunftsmotiv, daß die ferne, unerreich-bare Geliebte doch immer im Herzen des Liebhabers wohnt, ihmalso ewig und unverlierbar nahe bleibt. Wenn er seine treueLiebe eine seiner Seele aufgelegte Bürde nennt, wie kein anderersie trägt und er allein sie 'standhaft' tragen könne (ebd. S. 289),so ist das jener für den höfischen Minnesang in Frankreich undDeutschland später typische, mit Geringschätzung der nichtoder nicht so tief und treu Liebenden gemischte Stolz auf daseigene Liebesleid und seine Schwere, den bei uns Reinmar derAlte am inbrünstigsten ausgesprochen hat. Wenn er die Ge-liebte anruft als,, Seh wester des Monds an Helle, Strahlend undhehr wie er" und von Gott ein Wiedersehen erbittet (ebd. S. 290),so fühlen wir uns gleichfalls völlig in der Minnesangs-Phraseologieund wir Deutsche denken zunächst unwillkürlich an Heinrichvon Morungen. Wenn ihm in der Trennung die Nächte so langerscheinen und er Nacht für Nacht darüber klagt, daß nur dieeinst mit ihr verbrachten so kurz waren, so haben wir wieder dasstehende Tageliedmotiv des Minnesangs.
Der Graf von Schack hat in seinem schönen Buch das unsbeschäftigende geschichtliche Problem sehr zurückhaltend undnicht ohne einen gewissen Widerspruch beurteilt 1 ). Er machtedann selbst den Versuch, 'die Poesie der Araber in ihren Be-rührungen mit der Poesie der christlichen Völker Europas' dar-
x ) Graf Schack, Poesie und Kunst der Araber in Spanien undSizilien 2 , Bd. 1, Vorwort S. VIII: „Die oft aufgeworfene Frage, ob diemittelalterliche Poesie des christlichen Europa Einflüsse von der ara-bischen empfangen habe, läßt sich weder ohne weiteres verneinen nochauf allgemeine Annahme und oberflächliche Analogie hin bejahen; nurdie Bekanntschaft mit der abendländisch-arabischen Dichtkunst selbstkann über den dunklen Punkt Licht verbreiten." Bd. 1, S. 62: „Ich binweit entfernt, den Ursprung des Rittertums, wie man es lange getan,im Orient zu suchen; allein es ist Tatsache, daß viele von den Ideen undGrundsätzen, welche sein "Wesen ausmachen, schon von alters her unterden Arabern herrschten. Die Verehrung und Beschirmung der Frauen,die Verteidigung der Schwachen und Unterdrückten bildeten, neben derAusübung der Rachepflicht, den Kreis, in dem sich das Leben der altenWüstenhelden bewegt, und wer den merkwürdigen Roman 'Antar' liest,sieht mit Überraschung die morgenländischen Recken meist von dennämlichen Impulsen bewegt wie die Paladine unserer Rittergedichte"{folgt der oben S. 302 Anm. 1 erwähnte Hinweis).
llurdath, Vorspiel. 20