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Literatur und Kunst des Mittelalters
dienenden Rückfall in die geschlechtliche Roheit des früh-islamischen Minnesanges scheinbar sogar ihre Namen nennt(s. oben S. 300 Anm. 1). Wir finden uns erinnert fast mehr nochan einen deutschen Dichter sinnlicher Tagelieder und Kündertiefer Herzensliebe: Wolfram von Eschenbach; und die feineBeobachtung über die Aussöhnungswonne Verliebter nachkleinem Streit mahnt an eine der rührendsten, aus echtem Er-leben geflossenen Prägungen Walthers (Lachmann 70, 7): sanftezürnen, sere süenen, deis der minne reht*).
Die erste Strophe des vorliegenden Gedichts gibt in einerStufenfolge, die sich geradezu dramatisch steigert, eine ganzeTheorie der Lebens-und Liebesfreuden: das ist ein Thema,das im späteren romanischen und deutschen Minnesang unend-lich oft erfaßt worden ist, jedoch niemals dünkt mich, präg-nanter, künstlerischer, wirksamer.
Aus der Zeit nach dem Sturz der spanischen Omaijaden(1013) tragen ausgesprochenen Minnesangcharakter die Liederdes Abfil Walid Ibn Saidün, der als Hofdichter undSekretär wie als Gesandter in diplomatischen Angelegen-heiten bei Ibn Dschachwar, dem damaligen Machthaber inCordova, eine angesehene Stellung einnahm (s. Brockelmann1898 Bd. 1, S. 274f., 1901, S. 155 f.; Dozy Bd. 2, S. 364). Erfeiert in schwärmerischen, sehnsüchtigen, klagenden Liebes-gesängen die omaijadische Prinzessin Walläda, mit einem Natur-gefühl, das Schack an Petrarca erinnert. Sein alter Biographleitet übrigens einen mitgeteilten poetischen Liebesbrief miteiner Frühlingsbeschreibung ein (Schack 1, S. 286f.), die ganzder typischen Frühlingsbegrüßung in den Gedicht-eingängen der Trobadors entspricht. Wenn Ibn Saidün klagt,die Geliebte sei ihm entrückt, obgleich sein Herz ihr Wohnplatzsei (ebd. S. 288), so erkennt man das uralte Motiv arabischerLiebespoesie, die Elegie über den verlassenen Wohnplatz der
*) Meine ganze obenstehende Darlegung ist — und sogar vonsonst urteilsfähigen Lesern — so völlig mißverstanden worden, daßman geglaubt hat, ich hätte unmittelbare Entlehnungen des deutschenMinnesangs aus arabischen Vorbildern für möglich gehalten. Darumsei hier ausdrücklich versichert, daß ich die Vergleiche mit Wolframund Walther nur gezogen habe, um zu zeigen, daß der spanisch-arabischen Liebesdichtung und dem provenzalisch-deutschen Minne-sang gewisse eigentümliche Grundlagen der Motive, der Situationenund der Stimmung durch eine weitreichende Tradition gemeinsam sind.