Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
303
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Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 303

mit seiner Geliebten wieder aussöhnt, oder noch weit eher, woder Liebhaber und die Geliebte sich trunkene Blicke zuwerfen,oder endlich der, wo man die Angebetete in seine Arme schließt.

Ich durcheile den Kreis der Freuden mit dem Feuer einesRenners, der das Gebiß zwischen die Zähne genommen hat; wasauch daraus komme, all meine Wünsche muß ich befriedigen.Am Tage des Kampfes, wenn der Todesengel über meinemHaupte schwebt, unerschütterlich lasse ich mich von zweischönen Augen jederzeit erschüttern" (Dozy 1, S. 390).

Die arabischen Gelehrten führen diese Verse nur mit einem'Möge Gott ihm vergeben!' an. Aber sei ihr sittlicher Schaudernun geheuchelt oder ehrlich fiel ja doch der Dichter 897 derRache eines Häuptlings zum Opfer, dessen Gattin er durch seineVerse zu einem Liebesverhältnis hingerissen hatte (AugustMüller, Der Islam, Bd. 2, S. 495), wir können das ästhetischeUrteil dieser Kritiker über dieses Lied nicht teilen. Wir sehenhier im engsten Raum ein lyrisches Kunstwerk von ewigerJugend und Größe. Es enthält noch immer ererbte Motive deraltarabischen Lyrik: Rückblick auf eigene Liebeserlebnisse underotische Situationsbilder (Selbstlob" s. oben S. 292 Anm. 1);Hinweis auf die Pracht und Kraft des edlen Rosses; kampf-gierigen Mut, der dem Tode trotzt; Entzücken über ein glühendesAugenpaar. Aber wie straff und sparsam ist dies alles aus deralten lockeren Breite und zerfließenden Fülle, aus der Quodlibet-Art der Kasside zusammengedrängt in einen geschlossenenRahmen, in eine künstlerische Einheit und wie ist es innerlichbelebt durch den persönlichen Herzensanteil!

Wir finden uns erinnert an den ersten Trobador, den seinalter Biograph alsgroßen Frauenbetrüger" bezeichnete, denGrafen Guilhem von Poitou, dem auch neben dem geduldigharrenden, dienenden, werbenden, die Geliebte überschwenglichpreisenden Minnelied, selbst an eine nicht gekannte Dame,heißblütige und kecke, ja zynische Verse zu Gebote stehen fürdas erotische Draufgängertum, für die in der arabischenLyrik seit jeher beliebte Liedgattung des Selbstlob s in denKünsten und Abenteuern der Liebe, dem das Bild von demHengst mit dem zwischen den Zähnen geklemmten Gebiß soganz und gar gemäß wäre, ihm, der zwei geliebte Edelfrauen mitzwei Reitpferden vergleicht, die sich nebeneinander nicht ver-tragen, und dabei mit einem absichtlichen, komischer Wirkung

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