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Literatur und Kunst des Mittelalters
haben wir einander nie gesehen ... 0 Dschehäne, Gegen-stand meines Verlangens, sei gut und mitleidig gegen meinHerz, das mich verlassen hat, um zu dir zu fliegen! Wieteuer ist mir dein Name; ich rufe ihn an, meine Augen fließenüber von Tränen; ich rufe ihn an voll Andacht und Ehr-furcht wie ein Mönch den Namen seines Heiligen anruft, wenner sich vor seinem Bilde auf die Knie wirft."
Wiederholt hat man sich hier an den Minnesang erinnertgefühlt 1 ). Aber es ist nicht bloß Stimmung und Charakter dieserLiebe, was das Bekenntnis dieser andalusischen Muslims alsVorstufe des Minnesangs erscheinen läßt. Es sind vielmehrbestimmte einzelne Motive, die genau gewissen grundlegendenBestandteilen des späteren Minnesangs entsprechen: 1. dieseLiebe entreißt dem Liebenden sein Herz und gibt es der Geliebten,das Herz fliegt zu der Geliebten; 2. diese Liebe erweckt einTrauern, das verzehrt; 3. diese Liebe entsteht durch Fernwirkungohne persönliche Bekanntschaft; 4. der Liebende bittet die Ge-liebte um Mitleid wie einen strengen Herrn; 5. diese Liebe istgleich der kniefälligen Andacht vor einem Heiligenbild; 6. dieseLiebe rührt durch bloße Anrufung des Namens der Geliebtenden liebenden Ritter zu Tränen.
Dieser schmachtende Anbeter einer mehr geahnten als ge-kannten Frau entlockt seiner Liebesleier jedoch auch andereKlänge. Wir haben von ihm ein Lied voll stürmischer Sinnlich-keit und prachtvoll plastischer Schaukraft:
„Der süßeste Augenblick ist der, wo man in der Rundetrinkt, oder vielmehr, wo man nach einem kleinen Streit sich
x ) Dozy,der (a.a.O.1, S.390) dieses Gedichtmitteilt, sagt treffend:„man sollte meinen, der letzte Vers sei von einem provenzalischen Trou-badour, denn er spricht die ganze Zartheit des christlichen Ritters ausund die Art des Dienstes, welchen dieser derDame seines Herzens weihte".Ebenso AdolfFriedrich Grafvon Schack, Poesie und Kunstder Araber in Spanien und Sizilien, Stuttgart, Cotta (zuerst 1865),2. Aufl. 1877, Bd. 1, S. 120: „Wer glaubt in dem folgenden Gedichtvon Said Ibn Dschüdi nicht das Lied eines Minnesängers oder Trou-badours zu hören ? Und doch lebte der Dichter dieser Verse schon imneunten Jahrhundert, so lange vor beiden!" Einen geschichtlichen,kausal-genetischen Zusammenhang zwischen dieser Poesie und demMinnesang scheint Schack also nicht ernsthaft erwogen zu haben. SeineÜbersetzung in glatten Reimstrophen erreicht die Schönheiten des Ge-dichts, scheint mir, nicht ganz.