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Literatur und Kunst des Mittelalters
sungenen Damen gegenüber oft brutal übertraten, dringt jetztin der Lyrik der hohen Minne durch 1 ).
Der höchste und edelste Typus dieses neuen aristokratischenBildungsideals stellt sich uns dar in dem oben S. 289 Anm.genannten Said Ibn Dschüdl. Als Gelegenheitsdichter desSchlachtensiegs lernten wir ihn kennen. In dem wechselvollenKampf zwischen den Spaniern unter Omar Ibn Hafßön und denArabern fiel er in Gefangenschaft und dichtete im Kerker (vor890) ein mutvolles Gedicht, das aber auch die weichen Töne einerzarten Lyrik anschlägt, die anderthalb Jahrhunderte später einWeltklang wurden:
„Und du, Wanderer, bringe meinen Gruß an meinen edlenVater und meine zärtliche Mutter; sie werden dich mit Ent-zücken anhören, sobald du ihnen sagst, du habest mich gesehen.Grüße auch meine teure Gattin und überbringe ihr diese Worte:'Immer gedenke ich dein, selbst am Tage des Jüngsten Gerichts;dann werde ich mich vor meinen Schöpfer stellen, dein Bildnisim Herzen tragend. Ich versichere dich, daß deine Trau-rigkeit mich viel mehr betrübt als meine Gefangenschaft, jaselbst als meine Aussicht auf den Tod'" (Dozy a. a. 0. 1, S. 388).
Das sind minnigliche Gedanken und Bilder, wie siespäter die Troubadours auf ihre Herzensdame übertrugen. Aller-dings hier gegenüber der eigenen Ehefrau angewendet. Und alsein Vorfahr der ritterlichen Helden des späteren höfischen Liebes-romans erscheint Said, wenn erzählt wird, wie er — nach alt-arabischer Heldensitte 2 ) — vor der Schlacht den Befehlshaber
x ) Außer dem oben S. 294 Gesagten wäre mit Allred v. Kremer,Kulturgesch. d. Orients 1, S. 30—32 hervorzuheben, wie der oben er-wähnte Dichter Omar Ibn Abi Rabia in seinen galanten Gedichtenzwar ohne Scheu den Namen der verehrten Dame nennt, aber dabei dochbei ihm überall die Verherrlichung des Weibes hervortritt. — Der ältesteprovenzalische Minnesänger Graf Guilhem von Poitou erscheintin diesem Punkt gleichfalls widerspruchsvoll: neben Versicherungenzartester Rücksicht gegen die geliebte Dame gestattet er sich doch, wosein Zorn erregt ist, zwei Damen in einem meisterhaften Schmähgedichtals seine Geliebten mit ihren Namen und den Namen ihrer Ehemännerzu bezeichnen. Übrigens, diese Namen selbst halte ich für fingierte, dienur durch ihre scheinbare Echtheit verblüffen sollen.
2 ) Dozy, Recherches sur l'histoire et la litterature de l'Espagne,3. ed., Leyde 1881, Tome 2, S. 60 (mit Verweisung auf Wüstenfeld,Das Heerwesen der Muhammedaner, Göttingen 1880, S. 65f.);A. v. Krem er, Kulturgeschichte d. Orients Bd. 1 (1875), S. 90. .