Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 299
und frühislämischer Zeit sowie aus der Epoche der omaijadischenHerrschaft, der Teilfürstentümer und des Regiments der Almora-viden und Almohaden in Spanien wäre ein wichtiger Schritt,der dem bezeichneten Ziel uns nähern könnte. Im allgemeinenist auch jetzt die Richtigkeit des Urteils ersichtlich, das GrafSchack (a. a. O. 1, S. 102f.) über die muslimischen DichterSpaniens gefällt hat: schon wo sie die vorislämische (und früh-islamische) Poesie nachahmen wollten, ergossen sich ihnen nichtselten unvermerkt neue Anschauungen in die alte Form, ander-wärts aber folgten sie rückhaltlos den Eingebungen ihres eigenenGeistes und Herzens, schilderten Selbsterlebtes und Gefühltes.Der Umschwung zeigt sich innerhalb der Hofpoesie an dergesellschaftlichen Verfeinerung der überlieferten Erotik. Siewird einem neuen aristokratischen und geistigeren Bil-dungsideal angepaßt. Gewisse Elemente des andalusischenMinnesangs sind aus der älteren islamischen Lyrik übernommenund treten jetzt nur stärker, reicher hervor: die zärtlich schwär-merische Liebesinbrunst; das leidenschaftliche und schmachtendeWerben um eine vornehme verheiratete Frau; Trauern undKlagen um entschwundene Liebe; Darstellung des heimlichenGenusses ^verbotener Minne; typisches Auftreten der Neider,Aufpasser, Hüter; die Tageliedsituation des vorzeitigen Abschiedsbei anbrechendem Morgen, den die Liebenden sich gegenseitigwegtäuschen möchten. Aber am meisten charakteristisch ist,daß die freie StellungdermuslimischenFrau, die unsangesichts der später durch die zunehmende Bigotterie her-vorgerufenen Strenge des Haremslebens, wie es sich für uns ambekanntesten und am meisten charakteristisch bei den Türkenausprägte, so überraschend erscheint, aus der altislämischenZeit 1 ) zwar beibehalten, jedoch durch einen Wall gesellschaft-licher Rücksicht und Sitte geschützt wird gegen Indiskretion undgeschlechtliche Renommage. Das Gesetz des Namen-verbots, das die älteren Liebesdichter den von ihnen be-
I
x ) Nach Alfred v. Kremer, Kulturgesch. d. Orients unter denChalifen, Bd. 1 (1875), S. 147 war die Stellung der Frauen am Chalifen-hofe der Omaijaden zu Damaskus himmelweit verschieden von der Ent-würdigung, der das "Weib später in der muhammedanischen Welt verfiel:„Oft sprachen Damen das entscheidende Wort auch in Staatsangelegen-heiten, und die Gattin des Chalifen war oft in Wirklichkeit der eigentlicheHerrscher." Vgl. auch Dozy a. a. O. 1, S. 306f.