Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 297
Das im Orient von Abul Abbäs, dem Stammvater derAbbässiden, gestürzte und grausam ausgerottete Herrscherhausder Omaijaden lebte in Spanien durch einen auf abenteuerlicheWeise entronnenen Sprößling, Abderrachmän I. wieder auf.Diese spanischen Omaijaden bewahrten, erneuerten und ver-stärkten die alte Familientradition weltfreudiger Kultur- undKunstpflege. Indem sie ihrerseits bald auch den Chalifentitel an-nahmen, entstand in Cordova ein neuer Musensitz wissenschaft-licher und poetischer Bildung mit ausgeprägt nationalem Inter-esse für die altarabische Zeit und ihre Hervorbringungen, ihrenliterarischen Stil und ihre dichterische Manier. Aber diese Hof-poesie an den Höfen der Sultane, Fürsten, Statthalter undHäuptlinge des muslimischen Spaniens, der die schaffende Teil-nahme der Fürsten am poetischen Wettbewerb das Siegel derhöchsten gesellschaftlichen Schätzung aufdrückte, brachte docheine neue Hofkunst, die aus einer innerlich verfeinerten, ver-edelten weltlichen Bildung, aus einer vornehmeren, geistigerenLebensauffassung und Hofsitte ihre Kraft sog und so gegenüberden alten Vorbildern und der starren Tradition neue Wege ein-schlug.
VI.
Die hohe materielle, wissenschaftliche, literarische Kulturdes durch militärische Macht, zielbewußte Politik und religiöseToleranz die mittelalterliche Welt überstrahlenden Chalifats vonCordova 1 ), sein politischer Gegensatz gegen das alte Chalifatdes Ostens, der aber einen ehrgeizigen Wetteifer mit dessenPracht sowie überhaupt einen fortdauernden geistigen Austauschmit dem Mutterland keineswegs verhinderte, die innige Verbin-dung der spanischen Muslims mit den in Spanien lebendenchristlichen Renegaten, die ganz oder halb zum Islam über-getreten, sich mehr oder minder islamischer Sitte und Spracheangepaßt hatten, der fast niemals ruhende Kampf mit den christ-lichen Staaten der Halbinsel, dies alles begünstigte in Andalusieneine Entfaltung und Sonderentwicklung der überlieferten
a ) Außer dem fünften Teil von Rankes Weltgeschichte sei ver-wiesen auf Dozy a. a. O.; Graf Schack, Poesie und Kunst der Araberin Spanien und Sizilien, Stuttgart, Cotta (zuerst 1865), 2. Aufl. 1877,Bd. 1, S. 41—67; Aug. Müller, Der Islam Bd. 2, S. 529ff.