Der Ursprung des mittelalterlich en Minnesangs 293
Weibe, das der Tau der Nacht befeuchtet (während sie auf michwartet), indem sie zugleich ihren mit Amuletten behangenenSäugling bewacht". Er rühmt sich in seinem poetischen Lebens-überblick zahlreicher kriegerischer Taten, aber auch so mancheholde Frau umfangen zu haben. Am Hofe der syrischen undpersischen Vasallenfürsten hatte er das üppige Leben derantiken Kulturstädte kennengelernt. Die Sage griff diese Zügeseines Charakters auf und verstärkte sie. Sie erzählt, daß er inByzanz vor dem Kaiser beschuldigt worden sei, sich einesLiebeshandels mit der Tochter des Kaisers gerühmt und selbstVerse darauf gemacht zu haben. Da sandte ihm — heißt es,mit offenbarem Anklang an die griechische Heraklessage —der Kaiser als Ehrenzeichen einen vergifteten goldgesticktenMantel mit dem Befehl, ihn sofort in Gebracuh zu nehmen, undals er ihn anlegte, bedeckte sich sein Leib mit Geschwüren,löste sich das Fleisch von den Knochen, so daß er qualvoll starb 1 ).Über zwei Hofpoeten des persischen Vasallenkönigs vonHira am Rande der syrischen Wüste, Munachal und Näbigha,aus dem Ende des 6. Jahrhunderts, wurden später ähnliche Ge-schichten erzählt, mit allerlei Einzelheiten, die aber teilweisesichtlich erst spitzfindiger Scholiastenwitz in die Worte dieserDichter hineingetragen hat. Beide sollten als Rivalen durchihre poetischen Huldigungen die Liebesgunst der KöniginMutedscherred errungen oder erstrebt haben. Während Munachalmit der Geliebten schlafend in einer Situation, die stark an einebekannte Episode des Liebesromans von Tristan und Isolde er-
x ) Vgl. Amrilkais, Der Dichter und König. Aus dem Arabischenübertragen von Fr. Rückert, Stuttgart, Cotta, 1843, besonders S. 15.22.35—37.60; Alfred v. Kr emer, Kulturgesch. des Orients2, S.351.353f.; August Müller, Der Islam, Bd.l, S.19—21; Brockel-mann , Gesch. der arab. Lit. 1901, S. 63. — Von seinem die Mualla-qät eröffnenden Gedicht über seine Liebesabenteuer, dessen erotischeKühnheit sich kaum überbieten läßt, hat Goethe 1783 ein Bruchstücknach der englischen Übersetzung von Jones in freien Rhythmen wieder-gegeben (Weim. VI, S. 460—462). In diesem Gedicht heißt es (nachPhilipp Wolff, Muallakat, Rotweil, Degginger, 1857, S. 10):„Denn oft schon hab ich Schöne wie du, auch Mütter traun,Säugende, Sorgabnehmend [eigentlich: von der Sorge ihres mit einemAmulett versehenen einjährigen Kindes ablenkend], besucht beiNachtes Graun.Die wandten sich, wenn weinte ein Kindlein hinterdrein,Zu ihm mit einem Theile, der andere blieb mein."