Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 289
älterer poetischer Muster oder einfach Wiederholungen, Zitate.Sie wirken vielfach, ja meistens auch nicht oder nicht bloß alsnaive Inspirationen. Sie sollen auch gar nicht so wirken. Viel-mehr wollen sie gerade als literarische Kunst Eindruckmachen, und zwar in der Regel auf einen kleinen oder größerenzuhörenden Kreis kunstverständiger Mitglieder des Hofes. Des-halb spielen diese Verse gern die Autorität alter, bekannter undanerkannter Gedichte aus. An diese wird erinnert, und siewerden der augenblicklichen Lage durch symbolische Beziehungangepaßt. Es ist auch nicht der Gedanke, das Gefühl, was diesenErzeugnissen ihre Kraft gibt und geben soll. Es ist die Form desAusdrucks, die eigentümliche Zuspitzung der Rede in Antitheseund Hyperbel, die lebendige und geistreiche bildliche Einkleidungin Gleichnis und Metapher, die Symmetrie der Satzgestaltungund der Wohlklang des Reims. In allem diesem soll die Neuheitliegen und der Effekt 1 ). Und bei aller Hochschätzung ihrer
Schatzes (756); S. 234: Verse an Abderrachmän I. und seine Wesire voneinem Anverwandten des Emirs, die zur Ermordung des abgesetztenund bereits getöteten Statthalters von Sevilla auffordern (766); S. 285:Reden und Verse des Dichters Gharbit aus einer Renegatenfamilie inToledo, die den Aufstand gegen Sultan Hakam I. schüren (807); S. 300:testamentarisches Rechtfertigungsgedicht Hakams I. an seinen Sohn(822); S. 382: Triumphlied des Häuptlings Said Ibn-Dschüdinach dem Sieg über die Spanier (890); S. 384: Drohverse des spanischenDichters Abu gegen die von den Spaniern in der Alhambra belagertenAraber (auf Papier geschrieben und mit einem Stein über die Mauerngeworfen) und Antwortverse des arabischen Dichters AsadI, deren dritteStrophe als Prophezeiung eines unsichtbaren Geistes galt; S. 386f.:Triumphlied des Häuptlings Said Ibn-Dschüdi über den zweitenSieg der Araber und die Niederlage der Spanier (890); S. 405f.: Gesängeder Improvisatoren über das Blutbad unter den Spaniern von Sevilla(889); S. 425f.: pathetische Verse vom Sultan Abdallah im Zelt unterseinem Thronhimmel deklamiert während der siegreichen Schlacht gegendie von dem Renegaten Omar Ibn Hafßön geführten (s. u. Abschnitt VI)Andalusier (891) und langes Gedicht des Hofpoeten Ibn Abd rabbihiüber den Sieg mit Einflechtung von Witzworten der Soldaten. — Inder frühislämischen Zeit und im Osten noch in der Zeit der Omaijadentrugen vor der Schlacht Sänger alte, epische Gedichte vor: als einmalvor der Schlacht sich kein solcher bereit fand, rief ein Feldherr alle auf,sich zu melden, welche die Gedichte des Antara auswendig wüßten(Alfred v. Kremer, Kulturgeschichte des Orients unter denChalifen, Wien 1877, Bd. 2, S. 356).
*) Vgl. Dozy, a. a.O.l, S.9: „Das, was schon seit den entlegenstenZeiten in ihnen [den arabischen Dichtern] am meisten galt, ist Genauig-keitundEleganzdes Ausdruckes und die technische Seite der Dichtkunst."
B u r d a c h, Vorspiel. 19