Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
288
Einzelbild herunterladen
 

288

Literatur und Kunst des Mittelalters

Aus ihrer Urheimat und ihren Herrschaftssitzen im Osten hattendie Araber die Vorliebe und Begabung für die lyrische Improvi-sation mitgebracht. Wer das grundlegende Buch von D o z y,Histoire des Musulmans d'Espagne 1 ), durchsieht, erkennt daraus,obgleich es sich auf die Darstellung der politischen Geschichtebeschränkt und das literarische Leben als solches nicht berück-sichtigt, doch ganz deutlich, und ein Blick in die Bände derwüsten, aber dem Nichtorientalisten durch seine Fülle über-setzter Texte sehr nützlichen Arabischen LiteraturgeschichteHammer-Purgstalls 2 ) bestätigt es: nach dem Berichtunserer arabischen Geschichtsquellen gab es kaum eine wichtigeKriegshandlung, Sieg oder Niederlage, kaum einen wichtigerenStaatsakt und namentlich kaum einen politischen Konflikt, dienicht Verse im Munde der beteiligten Herrscher und ihrer Rat-geber, Freunde, Feldherrn, Gegner, Ilofpoeten begleiteten. Dievollkommene geschichtliche Echtheit und Treue dieser Versesei dahingestellt. Aber sicher bezeugen sie das Bestehen einersolchen Lyrik und ihre Geltung als literarische Dichtart, zu-gleich auch, daß sich mit der Überlieferung dieser Lyrik eineganz fest ausgebildete Kunst anekdotischer Dichter-biographik verknüpft, der die provenzalischen Troubadour-biographien nahe verwandt sind.

Jene arabischen Verse, auch die besonders häufigen Trutz-und Rachestrophen, Schmäh- und Spottlieder, scheinbar im-provisatorisch dem Augenblick entsprungen, sind aber im Grundekeineswegs reine Improvisation 3 ). Sie sind vielmehr Nachbildung

x ) Ich benutze die mit Originalbeiträgen des Verfassers bereichertedeutsche Ausgabe: Geschichte der Mauren in Spanien bis zur EroberungAndalusiens durch die Almoraviden (7111110), Leipzig, Grunow, 1874.

a ) [Joseph v.] Hammer-Purgstall, Arabische Literatur-geschichte, Wien 18511856.

3 ) Beispiele solcher aus älterer und aus spanischer Zeit gibt D o z y,a. a. O. 1, S. 103: zur Rache aulreizende Verse des Dichters Achtal(s. unten S. 294) vor dem Chalifen (686); S. 118: Trutzstrophe desgefangenen Dichters Halchala vor dem Chalifen; S. 126: Verse einesalten Dichters vor dem Statthalter Haddschädsch in einer Moscheevorgetragen zur Einschüchterung des aufrührerischen Volks (694);S. 131: Drohgedicht des kelbitischen Poeten Dschauwäs gegen die Ömai-jaden (696); S. 139f.: Drohgedicht eines Kelbitenhäuptlings an denChalifen gesendet und ihm von einem kelbitischen Schreiber am Hofevorgelesen (729); S. 222: Zorn- und Racheverse des von Abderrachmängeschlagenen Statthalters von Spanien, Jüsuf, gegen die Plünderer seines