Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
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287
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Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 287

Liebesroman und Liebeslied des Mittelalters weder das roman-tische Liebesideal noch das Schema des minniglichen Stilsbieten konnten, woher denn beides?

Bei der gesamten Frage habe ich zweierlei fortwährendgeschieden: erstens die neue Stellung des Dichters als einesDieners der Hofunterhaltung, die er mit einem bisher nicht da-gewesenen Stoff bestreitet, nämlich mit der Entzifferung undVerkündung individueller innerer Herzenserlebnisse, der Formenund Wandlungen einer als persönlich, gegenwärtig und lebendvorgeführten Liebesneigung. Dies ist das psychologischeNovum, wodurch die abendländische Hofgesellschaft des Mittel-alters erregt werden mußte. Und zweitens die neue Auf-fassung der Liebe als einer ethischen Naturmacht, die man pfle-gen, hegen, kunstvoll entwickeln, der man sich aus allen Kräftenhingeben soll, und von der verheirateten Frau als der edelstenBlüte weiblichen Wesens, die man wie eine Königin zu verehrenhat, deren Gnade, Huld und Liebe nur durch dienendes Werbenund treues Ausharren als höchstes Daseinsglück sich gewinnenläßt. Dies ist das neue literarisch-ethische Schema. Beides,das persönliche und das literarisch-ethische Novum, brauchennicht an sich neu zu sein. Sie waren es nur für die junge litera-rische und geistige Kultur der weltlichen Kreise des mittelalter-lichen Abendlandes. Sie selber waren aber dafür spricht alles ein Altes und waren gewachsen auf altem Boden einer ge-mischten Kultur.

So führt denn der Weg unserer Betrachtung mit Not-wendigkeit zur literarischen Kultur der Araber. Wirlenken den Blick auf das muslimische Spanien und fragen mitBodmer und seinen Gewährsmännern (s. Berliner Sitzungs-berichte 1918, S. 860, wiederabgedruckt: 'Vorspiel' Bd. 2), ob dortdie Wurzeln jenes literarischen Schemas liegen können, das imMinnesang sich dem Abendlande mitteilte.

Wirklich zeigen sich dort gewisse Elemente, die wir suchen.Im öffentlichen Leben, insbesondere an den Höfen der Chalifenund der übrigen Machthaber, später nach dem Sturz der Omai-jaden an den Höfen der zahlreichen selbständigen muslimischenKleinfürsten Spaniens, spielt die lyrische Poesie eine Bolle wiesonst nirgends im mittelalterlichen abendländischen Europa.