286
Literatur und Kunst des Mittelalters
■■
Auch diese Jongleurs sind mit der Ausbildung und Ver-breitung des provenzalischen Minnesangs früh verwachsen.Ein alter geschichtlicher Rückblick über die Troubadourkunstwill diese sogar herleiten aus den ersten Versuchen der Jong-leurs 3 ). Wir wissen auch, daß Jongleurs und Spielleute späterals Helfer und Diener der Troubadours und Minnesänger wal-teten, daß sie selbst auch Minnesänger wurden. Aber trotzdemmuß man sagen: alles, was wir von echter, eigentlicher Mimen-kunst in Frankreich und Deutschland kennen, lebt in einer völligandern geistigen Sphäre, behandelt völlig andere Motive, alssie dem Minnesang von Anbeginn an eignen. Aus der Jongleur-poesie können die Anfänge des Minnesangs, des Minnedienstes,kann der romantische Liebesbegriff ebensowenig entsprungensein wie aus der Vagantenlyrik.
Aber immer wieder müssen wir fragen, wenn die betrach-teten antiken Romanmuster und ihre indirekte oder direkte,Uterarisch oder mündlich vermittelte, Einwirkung dem höfischen
und Dares erscheint es als Bericht in Tagebuchform von Teilnehmernund Augenzeugen der Ereignisse. Anderwärts sind es unter seltsamenUmständen erhaltene und (etwa im Grabe) wiederaufgefundene Original-briefe, Testamente, Urkunden, Handschriften, Bücher der längst ver-storbenen Helden oder Gewährsmänner (Dichter, Zeugen) der Erzählung.Nach diesem uralten antiken Roman- und Legendentopos arbeiten diemittelalterlichen Spielleute, und die germanistische Wisseschaft hat sichmit Unrecht gewöhnt, dieses Schema der erschwindelten Autorität füreine Erfindung und spezifische Eigentümlichkeit der fahrenden Sängerzu halten. [Seitdem hat, gleichfalls in einem Vortrag vor einer Philo-logenversammlung (1907, zu Basel), Friedrich Wilhelm diesen Zu-sammenhang eingehend behandelt: 'Über fabulistische Quellenangaben',Paul u. Braunes Beiträge Bd. 33 (1907), S. 286—339. Er zieht dar-aus Folgerungen für die Beurteilung der Quellenangabe Wolframs(Parzival 453, 11 ff.), die sich aber geradesogut in entgegengesetzter 'Richtung ziehen ließen, d. h. zugunsten der Existenz eines Kiot und derEntlehnung jener Buchauffindungsgeschichte aus einer bestimmtenVorlage.] * Vgl. dazu Franz Boll, Aus der Offenbarung Johannis,Leipzig B. G. Teubner 1914, S. 4 f., 136, wo das Motiv in hellenistischerOffenbarungsliteratur nachgewiesen wird (briefliche Mitteilung Bolls).Diese wunderbare Buchbeglaubiguug lebt fort noch in dem obenS. 180 erwähnten angeblichen Fund des echten Matthäuskodex imGrabe des Apostels Barnabas unter Kaiser Zenon. *
3 ) Vgl. Guiraut Riquier in seinem poetischen Gesuch vom Jahre1275 an König Alfons von Kastilien (Diez, Poesie der Troubadours*S. 17f.).