Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 283
haltung äußerer Lebensformen, Galanterie gegen dieFrauen umfaßt und schon einen Vorklang des späteren Minne-begriffs enthält. Auch die idealisierende Charakteristik desKönigs und die psychologische Beobachtung und Darstellungweiblicher Art und Empfindung, der durchgehende Zug edlerHumanität bereiten die Kunst der späteren höfischen Romanein den Landessprachen vor. Auf diese weisen auch vordeutendhin die breiten Beschreibungen äußerer Gegenstände, besondersvon Kunstgegenständen und Luxusprodukten, von Waffen,Kleidern, Jagdausrüstung, Möbeln, Gerätschaften, Schmuck-sachen, von fremdländischen, namentlich abgerichteten Tieren,die sprechen oder Kunststücke machen, von ausländischenPflanzen, märchenhaften Edelsteinen, merkwürdigen mechani-schen Werken (fliegende Vögel), von Bechern mit eingelegterArbeit und Skulpturen, von byzantinischen Goldmünzen.
Alles dies, das dann im großen und ganzen ebenso ein festerBesitz der späteren nationalen minniglichen Hofromane wird,stammt aus einer alten Tradition. Es geht letzten Endes zurückauf die Alexandrinische Dichtung und ist dem Mittelalter aufWegen, die wir im einzelnen noch nicht genau kennen, wahr-scheinlich unter Beteiligung der sophistischen Romane deszweiten und dritten Jahrhunderts und sicherlich auch unter Ein-wirkung der vom griechischen Roman stark beeinflußten Er-zähltechnik der christlichen Legenden und Apokryphennovelli-stik übermittelt worden. Im 'Ruodlieb' erinnern an den antikenRoman auch manche Eigentümlichkeiten seiner Komposition,einzelne Grundmotive, besonders die Technik der Reden, Boten-berichte, Briefe. Die Briefe sind dann ja bekanntlich später inden höfischen Liebesromanen hochbeliebte Behälter für minnig-liche Ergüsse, für schmachtende Beteuerungen und spitzfindigeZergliederungen widersprechender Liebesgefühle.
Woher dem Ruodlieb-Dichter seine zukunftsschwangereRomankunst gekommen ist, bedarf immer noch der sicherenFeststellung. Gewisse Züge weisen auf orientalische Herkunft.Aber ob die Brücke Byzanz war, wohin im Zeitalter Heinrichs ILein lebhafter Verkehr ging, oder das spanisch-muslimischeKulturgebiet, möchte ich dennoch dahingestellt lassen.
Dieser 'Buodlieb' bleibt zunächst ein literarisches Unikum.Ein unfaßbares Wunder. Aber wenn er auch bereits Töne derminniglichen Galanterie und des künftigen romantischen Liebes-
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