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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

Romanen im ganzen noch recht sparsam ist, oder drittens dieEinlage von Monologen und Briefen. Diese drei Eigentümlich-keiten kehren in frappierender Gesetzmäßigkeit nicht nur in denmittelalterlichen Liebesromanen, sondern auch in der mittel-alterlichen Liebeslyrik wieder.

Ein viertes typisches Motiv, das in mittelalterlichen Epenfortzuleben scheint, ist die erste Bekanntschaft der Liebendenbei einem Fest in dem Glanz feierlicher Aufzüge und festlichdrängender Menschenmassen (Xenophon von Ephesus, Heliodor,Chariton).

Viel auffälliger ist fünftens das Erscheinen der sophisti-schen hfpQdoeig in den mittelalterlichen Liebesromanen: dieBeschreibung von herrlichen Kunstwerken (Gemälden, Statuen,geschnittenen Steinen), wunderbaren Erzeugnissen der Technikund Industrie (Automaten, Teppichen), prächtigen Bauten(Tempeln, Schlössern, Kanälen) und Gärten, paradiesischenLandschaften oder auch nur von seltsamen Tieren und Gegenden(vgl. oben S. 55 ff.). Da mag irgendwie ein unmittelbarer Zu-sammenhang bestehen.

Bei dem Byzantiner *) Achilles Tatius machen sich sechstenserotische Exkurse breit, die sophistischen Betrachtungen und Er-örterungen über das Wesen und die Arten der Liebe bei Tierenund Menschen. Das gemahnt ja an die Neigung der mittelalter-lichen Liebesromane zu theoretischen Auseinandersetzungenüber die Natur und die Macht der Minne. Bei näherem Zusehenüberwiegt aber die Verschiedenheit die etwaige Ähnlichkeit.

Immerhin zeigt der erste europäische Abenteuerroman desMittelalters, der in Tegernsee gegen 1030 entstandene lateinische'Ruodlieb' 1 ), der in leoninischen Hexametern abgefaßt ist,manche Elemente des späteren höfisch romantischen Liebes-romans. Er stellt bereits ein neues Ideal weltlicher Sitt-lichkeit auf, das eine Verfeinerung des Lebens, strenge Ein-

*) Es ist vielmehr ein Alexandriner des ausgehenden 3. Jahr-hunderts n. Chr.: W. Lehmann, De Achillis Tatii aetate, BreslauerDissert. 1910 und der Papyrusfund von 1914.

x ) Vgl. über ihn die eingehende Analyse von RudolfKoegel,Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgange des Mittelalters,1. Bd. 2. Teil, Straßburg, Trübner, 1897, S. 342412 und meinen bishernur in einem Referat veröffentlichten Vortrag 'Zur Entstehung desmittelalterlichen Romans', Verhandlungen der Philologenversammlungin Dresden, Leipzig, Teubner, 1897, S. 30f. (jetzt oben S. 144157).