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1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
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281
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Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 281

So muß man die Frage aufwerfen: besteht etwa eine Mög-lichkeit, daß von den griechischen erotischen Romanender römischen Kaiserzeit aus dem Geist der zweiten Sophistik,die dem abendländischen Mittelalter direkt nicht zugänglichwaren, auf irgendeinem Wege Elemente der poetischen Dar-stellung und Hauptmotive zugeflossen sein könnten. SchonErwin Rohde (Der griechische Roman und seine Vorläufer,Leipzig 1876, S. 536f.) vermutete, daß die Fabrikate des An-tonius Diogenes, Iamblichus, Xenophon von Ephesus, Heliodor,Achilles Tatius, Chariton, Longus und einzelner byzantinischerNachahmer aus der Komnenenzeit auf die romantische Dich-tung zunächst der Franzosen in dem Jahrhundert der erstenKreuzzüge gewirkt hätten und die Vermittler dabei die Byzan-tiner in persönlichem und mündlichem Austausch gewesen seien.

Indessen auch diese rhetorischen Romanprodukte habenkeinerlei Verwandtschaft mit dem eigentlichen Kern roman-tischer Liebesromane. Sie sind nach einem festen Schema ge-arbeitet in dem das blinde, phantastische Walten des Zufalls,ein wirrer, unmotivierter Wechsel von Gefahr und Rettungallein regieren. Die Verfolgungen und Leiden eines Liebespaares,das sich standhaft die Treue wahrt und nach unsäglichen wunder-barsten Erlebnissen trotz Schiffbruch, Seeräubern, Kreuzigungam Ende in Gesundheit sich zusammenfindet und noch glücklicheinen vakanten Königsthron erwischt, werden erzählt, abernur um der Spannung willen, den die Handlung, das Dramatikon,erregt. Was die Liebenden fühlen, davon ist meist kaum dieRede. Der tolle Wirbel der Abenteuer läßt zu Galanterie undLiebesbeteuerungen keine Zeit, und ein Minnewerben ist über-flüssig, da die Liebenden sich von vornherein innerlich ange-hören oder ganz rasch miteinander eins werden (vgl. obenS. 108 ff.). £

Einzelheiten in den Motiven und der Technik stimmenallerdings auffallend zu den mittelalterlichen Liebesromanen:z. B. erstens, daß die Liebe gleich beim ersten Anblick mitelementarer Gewalt blitzartig aufflammt, gleich einer Krankheitausbricht und auf den Ergriffenen physiologisch, ja pathologischeinwirkt, der bald rot, bald bleich wird, wie im Fieber glüht undfröstelt, das Bewußtsein verliert und ohmnächtig hinsinkt, oderzweitens die Technik der zergliedernden Beschreibung dereinzelnen Teile weiblicher Schönheit, die aber in den griechischen