Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 277
Allerdings bestehen gegen Wechsslers Auffassung gewisseBedenken. Zunächst wäre wohl stärker der Nachdruck daraufzulegen, daß die Minnesänger zum Hofgesinde, also zum Kreiseder sogenannten Ministerialen, nicht zu den eigentlichen Vasallengehörten. Aber wichtiger sind drei andere Einwände. War dieMinnepoesie von Anfang an Hofpoesie praktischer Tendenz mitder Hoffnung auf Anstellung und Belehnung, so bleibt unbe-greiflich, daß unter den allerfrühesten Minnedichtern in Frank-reich wie in Deutschland gerade ganz hochstehende, vornehmemächtige Fürsten und Herren sich finden, die solche Hof-versorgung nicht brauchten. Ferner begreift man nicht recht,warum die Sänger nicht eine politische Panegyrik des Hof herrenvorzogen, der doch Hofamt und Lehen zu vergeben hatte, son-dern den Umweg über die Frau wählten. Und es erscheint end-lich rätselhaft, wie überhaupt heiße, leidenschaftüche Liebes-dichtung als ein frischgebornes Novum aus wirtschaftlich-gesell-schaftlichen Motiven zum ersten Male hätte entstehen können.
Wie zur Aufklärung des Minnesangproblems die sozialeStellung des Sängers als Schlüssel benutzt worden ist, so könnteauch die gesellschaftliche Stellung der vornehmen Frau diePforte der Erkenntnis öffnen helfen. Ernsthafte Versuche sindaber in dieser Richtung auf wissenschaftliche Weise, soviel ichweiß, nicht gemacht worden. Andeutungen für die deutschenVerhältnisse gab in Polemik gegen Reinh. Beckers Theorie(Sitzungsberichte 1918, S. 863 Anm. 2, 'Vorspiel' Bd. 2) Sch ö n-bach (Anfänge d. deutsch. Minnes. S. 100f.). Die Erziehung der
politisches geworden", das Minnelied habe seinem Wesen nach „die tat-sächliche und politische Abhängigkeit des dienenden Frauensängers alsein ethisches, persönliches und sentimentales Verhältnis der Liebe durch-aus ursprünglich, tatsächlich und aufrichtig empfunden und gelebt undnicht etwa umgedeutet und fingiert", „historisch und psychologisch"sei also der Verlauf der, daß „aus der Liebe die Abhängigkeit, ausdem ethischen Moment das politische, aus dem persönlichen das kon-ventionelle, aus dem innerlichen das äußere, aus dem individuellen dassoziale, kurz aus der Minne der Dienst und nicht aus dem Dienst dieMinne geflossen" sei. Ich halte die Aufstellung dieses Dilemmas: ent-weder zuerst Gefühl, Liebe oder zuerst Dienst, Huldigung, nicht fürfruchtbar. Noch weniger den scharfen Gegensatz zwischen individuellemund sozialem Antrieb. Diesem Entweder-Oder muß man, glaube ich,ein Sowohl-als-auch vorziehen. Aber die Hauptsache ist, daß über-haupt der soziale wie der individuelle Gesichtspunkt für die geschicht-liche Erklärung des Minnesangphänomens nicht ausreicht.]