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Literatur und Kunst des Mittelalters
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Verhältnis eines Vasallen zu seiner Herrin streng, in mannig-faltigster Anwendung durchgeführt wird, so ist das, wie Wechßlermit vollstem Recht betont, mehr als ein bloßes Bild. Es ist derAusdruck der sozialen Lage, aus der psychologisch diese Liebes-dichtung sich erklärt. Das Liebesgedicht ist im Grunde und dahervielleicht auch ursprünglich ein Huldigungsgedicht des Vasallen.Mit Recht erinnert Wechßler an den von mir ins Licht gesetztenGegensatz zwischen Wolfram, dem Ritter, der sich als Mann derWaffe und des Kampfes, als Träger des Schildamtes fühlt, undWalther von der Vogelweide, auf den er als bloßen Liederdichterein wenig herabsieht, während dieser wiederum den großenKunstgenossen um seines ausgesprochen ritterlichen Standes-stolzes willen scherzend zu den Thüringer Haudegen und Rauf-bolden, den kempfen, zählt 1 ). Der Minnesang ist sicherlich nichteigentlich eine Kunst der Ritter, nicht eine Kunst der wirklichenRitter. Denn die Ritter waren in erster Linie schwergerüsteteBerufskrieger zu Roß und tatenfrohe, kampfbereite Ausüber desWaffenspiels. Die Liebesdichtung der romanischen und deutschenMinnesänger ist Poesie des Hofes, Poesie von Hofleuten undein Teil des gesellschaftlichen Hofdienstes. Der Minnesänger,der sein langes hebendes Werben um die Huld und Gnade dergefeierten Dame in das Bild eines minniglichen Dienstes ein-kleidet und von seiner Geliebten Sold und Lohn des Diensteserwartet, will durch sein Dichten in der Tat auch äußern Lohngewinnen, ein Lehen, eine Anstellung, eine Besoldung als Hof-dichter und Hofmusiker 2 ).
x ) Vgl. darüber außer meinem 'Walther von der Vogelweide',1. Teil, meine Abhandlung: Der mythische und der geschichtlicheWalther, Deutsche Rundschau, 29. Jahrg., 1902, Novemberheft, S. 244bis 256 (s. unten).
[ 2 ) Seitdem ich dies niederschrieb, hat Eduard WechßlersBuch: Das Kulturproblem des Minnesangs, Bd. 1, Halle a. S., 1909,8. und 9. Kapitel, S.113—182, auf breiter Grundlage diese Anschauungentwickelt, daß das Minnelied des Troubadours „nach Sinn und Zweckein politischer Panegyrikus in der Form persönlicher Huldigung" gewesensei. KarlVoßler in seiner gedankenreichen Kritik (Literaturbl. f.german. und roman. Philologie 1911, S. 85) wiederspricht dem unterBerufung auf das Buch von Flach, Les origines de l'ancienne France(das übrigens Wechßler in seinem oben besprochenen Aufsatz selbstausgiebig benutzt hat!), indem er betont, das VasallitätsVerhältnis sei„in jeder Hinsicht zunächst ein ethisches, religiöses und gefühlsmäßigesgewesen", „erst nachträglich und sekundärer Weise ein rechtliches und