Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 275
Adel: die Ministerialen. Und gleich der Zweitälteste uns bekannteprovenzalische Troubadour Cercamon ist ein Spielmann.
Immerhin war meiner Ansicht nach durch diese mißglückteHypothese Emil Henricis eine richtige Fährte bezeichnet.Mochte der erste Vorstoß auf ihr nicht ans Ziel führen, bloßweil sie ja ausschließlich auf deutschem Boden verfolgt wurde,einen methodischen Fortschritt gegen die früheren vagen Ab-leitungen aus der allgemeinen Kulturlage des Zeitaltersbrachte er jedesfalls.
Vor kurzem hat dann für das provenzalische Literatur-bereich EduardWechßler das Problem gleichfalls mit Rück-sicht auf die soziale Stellung des Dichters angegriffen und damitein fruchtbares Ergebnis errungen 1 ). Teilweise auf früheren Aus-führungen von mir fußend, geht er aus von der Frage nach demMaß von Realität, das der Minnedichtung zukomme, und vondem Gegensatz, der zwischen dem eigentlichen Rittertum unddem höfischen Minnesang besteht.
Diez hatte, den älteren universalhistorischen Darstellungendes 18. Jahrhunderts und der Romantik folgend, die Hofpoesiedes Minnesangs einfach als „eine Wirkung des alten und ächtenRittergeistes" bezeichnet (Poesie der Troubadours 2 S. 53) unddiese unbestimmte Formel ist wohl bis heute herrschend ge-blieben. Wechßler vertritt demgegenüber die Auffassung: „Ander Entstehung und Ausbildung des Minnesangs war das Ritter-tum nicht beteiligt." In solcher Schroffheit möchte ich mirdiesen Satz zwar nicht aneignen. Aber das ist gewiß: die be-sungenen Herrinnen der Troubadourpoesie waren in der RegelAngehörige des Feudaladels, Herrinnen eines reichen und glän-zenden Hofes, Frauen, Schwestern, Töchter der Dynasten. DieTroubadours der ältesten Zeit waren teils fürstliche Dilettanten,teils Männer niederer, unfreier Herkunft, oft in Armut lebend.Ein solcher „armer oder unfreier Vasall, ein serf, konnte von derhochgeborenen Fürstin, der er als seine Herrin seinen Minne-dienst und Minnesang weihte, schwerlich im Ernst Liebesgunsterwarten". Wenn nun im gesamten Minnesang überall derMinnedienst als ein Dienst der Herrin gefaßt und der Parallelis-mus zwischen dem Liebeswerben des Sängers und dem Dienst-
J ) Eduard Wechßler, Frauendienst und "Vasallität, Zeit-schrift f. französische Sprache und Literatur, Bd. 24 (1902), S. 159—190.
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