Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 273
dienst ist, waren ja in Frankreich, England, Deutschland ohneverwandte Vorgänger. "Weder die germanischen Sänger derVölkerwanderung noch die sie zurückdrängende bunt zusammen-gesetzte Schar der Joculatores, Jongleurs, Spielleute mit denin sie aufgegangenen Nachfahren der antiken Mimi haben, so-weit wir wissen, bis zum 11. .Jahrhundert ein Repertoir und einesoziale Stellung gehabt, aus denen sich das Auftreten und dieGeltung der neuen Hofdichter und ihre romantisch minniglicheGesellschaftsdichtung als Weiterbildung begreifen ließen.Zwischen jenen älteren beiden Gruppen weltlicher Dichter unddieser neuen klafft eine nicht zu überbrückende Kluft. Gelanges aber, das Werden dieses neuen Sängerstandes zu beobachtenund in seinen Ursachen aufzudecken, so durfte man hoffen,auch die innern Kräfte zu durchleuchten, die den Minnesangund die neue gesellschaftliche Bedeutung des Minnedienstes her-vorriefen.
Das versuchte vor Jahren nun eine Hypothese 1 ) von äußersthandfestem Zuschnitt. Nach ihr sollte der deutsche Minnesangaufgekommen sein unter den besitzlosen Rittern, die sichnamentlich an den großen Höfen der Fürsten in beträchtlicherZahl aufhielten und als Lohn den Lebensunterhalt, Kleidung,Rüstung, Pferd und Waffen empfingen. Die tägliche Nahrungmußte für solche Hofritter eine stete Sorge bilden, und hier warihnen die mute der Frau des Herren viel nötiger und nützlicherals die des Herren. Denn die Frau verwaltete das Hauswesen,verfügte über die Vorräte an Kleidern und Schmucksachen.Nicht von den hohen Herren, den Fürsten, Grafen und ihrenLehnsträgern, sondern von den armen Adligen und Rittern,„denen die Gunst einer vornehmen Frau auch hauptsächlicheine standesgemäße Existenz amHofe einbrachte", ist der Minne-dienst erfunden worden. Die Huld dieser Frau war das Ziel derWünsche für jene ritterlichen Berufssoldaten. Aus einemRespektsverhältnis entwickelte sich mit der Zeit auch eine
*) Emil Henrici, Eine Geschichte der mittelhochdeutschenLyrik. Jenaer Dissert. 1876, S. 42ff., vgl. dazu Elias Steinmeyer,Anzeiger f. deutsches Altertum, Bd. 2 (1876), S. 144f. Henricis Schrift■war als Erstling wissenschaftlicher Arbeit übrigens, trotz mancherWunderlichkeit im einzelnen, eine sehr achtungswerte, entschieden an-regende und fördernde Leistung und erhob sich über den Durchschnittder Minnesängerdissertationen.
B u r d a c h , Vorspiel.
18