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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

Sie richteten ihr Augenmerk ausschließlich oder wenigstensüberwiegend auf die allgemeinen realen Zustände der Kultur,der äußern, materiellen wie der geistigen, der gesellschaftlichenwie der individuellen, und betrachteten sie als die natürlichenFaktoren des eigentümlichen poetisch-sozialen Minne-Phäno-mens.

Methodisch richtig war ein anderer Weg, den man innerhalbder romanistischen Philologie früh eingeschlagen hat und denbesonders sorgsam und erfolgreich GastonParisund AlfredJeanroy beschritten. Man suchte für die höfisch-ritterlicheMinnepoesie ältere Vorstufen in einer volksmäßigen Lyrik undließ die neue exklusive Gesellschaftsdichtung hervorgehen ausden mit Gesang und Tanz verschönten Spielen und Festen, dieein alter Brauch waren. Zum Teil mußte man freilich dieseältere volkstümliche Gesellschaftslyrik erst erschließen. Aberzugestanden, daß diese Rekonstruktion einer unhöfischen, vor-minniglichen erotischen Gesellschaftspoesie vollen Anspruchhätte, die Wirklichkeit wiederzugeben, zugestanden, daß ebensoauch in Deutschland, wo eine solche Rekonstruktion schwierigerist, alte Tanzlieder das Liebesthema in weitem Umfange be-handelten, zugestanden selbst, daß in Frankreich und in Deutsch-land der höfischen Minnepoesie schon eine schlichtere persönlicheLiebeslyrik voraufging, die uns verloren ist, so reichen alle dieseVoraussetzungen nicht hin, um das eigentümlich Neue derhöfisch-ritterlichen Minnepoesie und des ihm zugrunde liegendenMinnedienstes daraus abzuleiten. Auch durch die Mittel derverfeinerten literarhistorischen Methode, durch genauemotiv- und stilgeschichtliche Untersuchung aller vorhandenenDenkmäler und kombinatorische Verwertung aller Zeugnissevermag man Minnesang und Minnedienst als ein heimischesNaturgewächs nicht zu erweisen.

Für die geschichtliche Erklärung des mittelalterlichenMinnesangs ließ sich indessen immer noch ein neuer Weg dersozialen Betrachtung einschlagen. Nicht mehr aus den all-gemeinen gesellschaftlichen Zuständen, sondern aus der eigen-tümlichen Sonderstellung der Minnesänger und den psycho-logischen Begleitumständen dieser Stellung konnte man dieLösung des Rätsels der neuen Lyrik zu gewinnen hoffen.

Auch die Dichter der neuen romantischen Hofpoesie des12. Jahrhunderts, deren Gegenstand die Minne und der Frauen-