Der Ursprung deh mittelalterlichen Minnesangs 271
aus dem Bild- und Symbolschatz des Christentums 1 ). Aber daßer aus christlich-religiöser Wurzel entsprungen, daß der Frauen-kult der Troubadours gar aus dem Kultus der Jungfrau Mariaseinen Anfang genommen habe, wie nach älterer romantischerweitverbreiteter Lehre oben Ten Brink und ihm folgend Stim-ming 2 ) behaupteten, findet weder in den Tatsachen noch auchin vernünftiger allgemeiner Erwägung eine Stütze.
III.
Alle diese Versuche, Minnesang und Minnedienst in ihremUrsprung zu erklären, litten an einem grundsätzlichen Fehler.
*) Ich selbst habe in meiner Erstlingsschrift (Reinmar der Alte undWalther von der Vogelweide, Leipzig 1880, S.42. 48 ff. 84. 92.114) Belegebeigebracht für den Einfluß der geistlichen Dichtung auf Johansdorf,Morungen, Rugge. Mancherlei Nachweise bietet auch Wilmanns inseinen beiden Walther-Büchern, besonders aber Schönbachin seinen'Beiträgen zur Erklärung altdeutscher Dichtwerke' (I : Die älteren Minne-sänger), Wien 1899 (Sitzungsber. der Wiener Akad., phil.-hist. Kl.Bd. 141).— [Seitdem ich dies im Jahre 1904 schrieb, ist das umfassendeWerk erschienen von Eduard Wechßler, Das Kulturproblem desMinnesangs, Bd. 1, Halle, Niemeyer 1909, das in seinem 13. und18. Kapitel (S. 299ff. 436ff.) die christliche Spiritualisierung desMinnesangs gut, wenn auch nicht ohne einzelne Übertreibungen undFehlgriffe, beleuchtet.]
2 ) A. Stimming, Provenzal. Literatur, Groebers Grundriß derromanischen Philologie, II, 2 (1897) S. 15 bietet über die Entstehungder weltlichen Kunstlyrik ein sonderbares pragmatisches Raisonnement,das hundert Jahre früher zeitgemäß gewesen wäre. Die Bevorzugungder Lyrik vor der Epik soll in der überwiegenden Beteiligung des Ritter-standes ihren Grund haben. Danach müßten also die Ritter von Naturlyrischer gewesen sein als etwa die Kleriker. Indessen dieser Grundscheint Stimming selbst nicht ganz ausreichend. Darum fährt er fort:,,Der hauptsächlichste Grund jener Bevorzugung liegt aber in dem Her-vortreten des Frauendienstes. Dieser Brauch, der seine Entstehungwesentlich dem gewaltigen Aufschwünge des Marienkultus im 11. Jahr-hundert verdankt, fand in dem Rittertum seine kräftigste Förderung,denn, indem man die schwärmerische Verehrung für die heilige Jungfrauauf deren ganzes Geschlecht übertrug, erklärte man den Frauendienstfür ein notwendiges Erfordernis des Ritters, so daß jeder, der diesemStand angehören wollte, den Frauen seine Huldigung darbringen mußte".Und so geht das Phantasieren weiter. * Für einen Einzelfall, VeldekesSalomogedicht, suchte ich zu erweisen, daß die christliche, aus antikenund jüdischen Quellen gespeiste Eros-Mystik der Hohenlied-Exegeseund ihre Marien-Allegorik die weltliche Minnepoesie befruchtet habe:s. oben S. 70—76.*