Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
262
Einzelbild herunterladen
 

Literatur und Kunst des Mittelalters

II

II

m

Schilderung entfaltet, wurzelt durchaus im Familiengrunde undbewegt sich nur im Kriegerischen und Politischen, im Religiösen.Allerdings nahmen die von den Minnesingern gefeierten Damenauch Teil an den Turnieren, teilten an die Sieger Preise undEhrenzeichen aus. Aber diese Analogie zu den in den Germanen-schlachten mitwirkenden Gattinnen, Töchtern ist doch, obgleichältere Schriftsteller sie oft unterstrichen haben, für die Frage derEntstehung des ritterlichen Frauenkultus belanglos. DieFrauenverehrung des Minnedienstes ignoriert ja gerade dieFamilie und den Gattinberuf, sie kümmert sich gerade nichtum puellae nobiles. Sie hält sich auch fern von jeder Hinein-ziehung politischer oder kriegerischer Dinge; denn daß in densogenannten Kreuzliedern die Dame den Ritter zur Kreuz-fahrt anfeuert, ist ein Sonderfall, der für die Herkunft des neuenMinnebegriffs nicht ins Gewicht fällt.

Auch wäre schwer zu begreifen, wie das von Tacitus be-schriebene heilige Prophetenwesen der altgermanischen Frauengerade im Süden Frankreichs die neue soziale Wertung desWeibes und ihre neue literarische Rolle hervorgerufen 1 ) habensollte.

Man hat wohl neuerdings deshalb auch davon Abstand ge-nommen, die Minnepoesie, deren Grundvoraussetzung eine ganzkünstüche Konvenienz ist, aus der großartigen Einfalt und Rein-heit des altgermanischen Glaubens herzuleiten. Man blicktedeshalb lieber auf eine etwas jüngere Entwicklungsstufe desgermanischen Geistes. Bei den Normannen, solange sie ihrealten Sitze hatten, sei bereits der Keim jener Frauenanbetungvorhanden gewesen, den sie dann später in Frankreich und Sizi-lien, nach ihrer Romanisierung, voll entfaltet hätten. So hattez. B. Herder in seinen 'Ideen' (IV, 20, II. 2, Suph. 14, S. 462)

x ) Sehr sonderbar behauptet dies in einer Polemik gegen die Ab-leitung der provenzalischen Liebespoesie aus arabischer DichtungBouterwek, Gesch. d. Poesie u. Beredsamkeit 1. Bd., Göttingen1801, S. 22:In den kalten Wäldern des alten Deutschlands, nicht inden arabischen "Wüsten, wo der brennende Himmel jeden Wunsch zurBegierde macht, müssen wir den Keim der rätselhaften Idee von keuscherFrauenliebe suchen" (mit Berufung auf Germania 8); S. 26EineSchwärmerei, den Griechen so unbekannt wie das christliche Credo,bildete die Huldigung, mit der sich der alte Deutsche schon in seinenEichenwäldern den Frauen nahte, zur ästhetischen Vergötterung derweiblichen Schönheit um".