Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 261
lichkeit in den jungen abendländischen Nationen christlicherReligion, der sich an den Höfen weltlicher und geistlicher Macht-haber sammelte, hätte, so sollte man doch erwarten, viel mehrdie Ideale des Heldentums und des Krieges in der Poesie pflegenmüssen als das Ideal einer so spirituellen und doch sinnlichen,phantastischen Erotik, einer so theoretisierenden Liebesromantikund raffinierten Formkunst, die mit Gefühlen und Worten, mitBegriffen und Reimen Ball spielt.
Vergeblich sucht man in der frühmittelalterlichen DichtungFrankreichs und Deutschlands nach Keimen, aus denen sichdiese neue, sentimentalisch-doktrinäre Behandlung der Ge-schlechtsliebe entfaltet haben könnte. Überall zeigen die voran-gehenden Jahrhunderte vielmehr die rauhen Sitten einer handeln-den Zeit, der die Frau nur eine Genossin oder Dienerin des Mannesist, ein rasch genommener Besitz, um den nicht erst lange mitsehnsüchtiger Treue gedient und gefleht wird.
Man hat wohl früher oft den deutschen Minnesang abge-leitet aus der bekannten altgermanischen Verehrung der Frau,von der uns Tacitus in seiner färbenden Darstellung berichtet(Germania 8). Der Frauenkultus und die zarte, überschweng-liche Liebe der Minnesinger sei jener alten Auffassung ent-sprungen, die im weiblichen Geschlecht sanctum aliquid etprovidum erblickte. Aber diese Eigenschaft, die nach Tacitusden germanischen Frauen beigelegt wurde, bezog sich, wie ausdem Zusammenhang hervorgeht, auf Schlachten und Krieg.Vorher wird erzählt (Germ. 7), daß die germanischen "Weiber undKinder, die Mütter, die Gattinnen die heiligsten Zeugen, Lob-spenderinnen in der Schlacht seien, die Wunden verbinden,Speisen zutragen, die Kämpfenden ermuntern, daß durch Weiberdie flehend sich entgegenwarfen, wankende Schlachtordnungenwiederhergestellt worden seien. So stark wirke auf die germani-schen Krieger der Gedanke an das Schicksal der Frauen. Darumseien edle Jungfrauen als Geisel ein besonders sicheres Pfand.Schreiben doch die Germanen ihnen (d. h. den Frauen insgemein,obgleich grammatisch betrachtet die Rede nur von den puellaenobiles zu sein scheint) eine gewisse Heiligkeit und Propheten-gabe zu und beachten deshalb ihren Rat und ihre Weissagungen.Als Beispiel nennt Tacitus dann die aus Hist. IV 61. 65; V 22. 24bekannte Bructerin Veleda unter Vespasian und aus älterer Zeitdie Albruna. Das germanische Frauenideal, das sich in dieser