Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
260
Einzelbild herunterladen
 

260

Literatur und Kunst des Mittelalters

das konventionelle Element, die Macht der literarischen Mode.In der künstlerischen Beurteilung des Minnesangs ist man also,da Wilmanns' Versuch in seinem 'Leben und Dichten Walthersvon der Vogehveide', das fiktive Element in Walthers Minne-lyrik bis zum Äußersten zu steigern, wohl als abgelehnt geltendarf, doch so ziemlich gleicher Meinung. Das eigentliche kultur-geschichtliche Hauptproblem blieb aber bisher völlig ungelöst.Ja, man muß sagen: seitdem Bodmer und Herder wie diegleichzeitige universale Kulturgeschichtschreibung daran leisegerührt, die Romantiker wenigstens darauf ahnend hingedeutethaben, geht die wissenschaftliche Forschung an ihm mit ge-schlossenen Augen vorüber.

Dieser neue Liebesbegriff, dieser Kultus der verheiratetenFrau, diese Theorie der ritterlichen und veredelnden Minne inlange harrendem Dienst, diese ganze Romantik der Liebe einer-seits und anderseits diese neue Stellung ihres Herolds, desMinnesängers als eines Hofpoeten und Amuseurs der Gesell-schaft, der angeblich eigene Herzensangelegenheiten und Liebes-erfahrungen zur Schau stellt woher dies alles, das in derfrüheren deutschen Poesie so unerhört ist, das als Fremdlingauftaucht, aller christlichen, germanischen, ja aller natürlichenSitte und Sittlichkeit ins Gesicht schlägt und dennoch nun alsQuelle wahrer, höherer, erlesener Sittlichkeit gefeiert wird?

MI

IL

Daß dieser Umschwung des gesamten mittelalterlichenliterarischen Lebens, der sich in diesem Vorgang abspielt, seinesgleichen nicht hat, und daß er mit der Entstehung und Aus-bildung der höfischen Kultur, die sich seit dem Ausgang des11. Jahrhunderts im Bereich der normannischen Welt sowie inSüdfrankreich, Spanien, Deutschland vollzog, aufs innigste ver-wachsen ist, daran zweifelt niemand. Aber erklärt wird hierdurchdas geschiehtlicheWunder dieses Phänomens nicht im geringsten.Dieser ritterliche Stand, ein neuer internationaler Adel desBerufs, gesteigerter verfeinerter Kriegstüchtigkeit und Männ-

schrift f. deutsches Altertum 1903, Bd. 47, S. 56ff. Schönbach hat seinefrühere Ansicht später revidiert und sie meiner Auffassung sehr genähert(Die Anfänge des deutschen Minnesanges S. 120123). Vgl. auchFranz Saran, Über Hartmann v. Aue, Paul u. Braune Beiträge Bd. 23(1898), S. 3135.