Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
259
Einzelbild herunterladen
 

Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 259

grundsätzlich bekämpft und an die Stelle einer biographischenChronologie der Lieder eines Minnesängers die Chronologie ihrerkünstlerischen, ihrer sprachlich-stilistisch-metrischen Entwick-lung gesetzt. Meinen Standpunkt habe ich dann später (1896)in meinem Lebensbild Walthers von der Vogelweide aufs neueverteidigt 1 ).

Wenn jene deutschen Lieder von tougen minne, von hoherminne, von der huote, von dem der merker reden, so folgen siedamit der festen Terminologie einer der Gesellschaft interessan-ten Liebeskunst, erst in zweiter Linie geben sie Eindrücke undErlebnisse persönlicher Art. Sie tun es, um den Glanz der Höfe,an denen sie lebten und ihrer Leier Lohn suchten, zu verschönen,um einen gewählten Zuhörerkreis zu unterhalten. Ihre Liedersind geradeso Gesellschaftspoesie, mit Herder (Sitzungsberichte1918, S. 865, 'Vorspiel' Bd. 2) zu reden 'amüsierende Hofvers-kunst', wie die noch etwas früher aus Frankreich nach Deutsch-land eingeführten Liebesromane, deren Helden und HeldinnenFlore und Blancheflor, Tristan und Isolde, Eneas und Lavinia,Lanzelot und Ginover ja alle mehr oder weniger nach demselbenMinneideal leben und ihrerseits von den deutschen Minne-singern als erhabene, anfeuernde Muster für den eigenen Minne-dienst hingestellt werden.

Verlauf, Wesen und Ausbildung des höfischen Minnedienstesund Minnesangs übersehen wir ziemlich klar. Über die Frageallerdings, in welchem Verhältnis diese Lieder der hohen MinneFiktion und Wirklichkeit mischen, wie weit die poetische Theorieund Ethik der hohen Minne im Leben der Dichter und ihresbeifallspendenden Hofpublikums praktisch befolgt wurde, laufendie Antworten noch immer auseinander. Indessen beschränktsich solche Meinungsverschiedenheit doch mehr auf einzelne Fälleund einzelne Dichter, auf die Gradabstufung von Dichtung undWahrheit. Auch diejenigen Gelehrten, die am weitesten gehnin der Annahme individueller Erlebnisse 2 ), bestreiten keineswegs

x ) Zuerst Allgem. Deutsche Biographie Band 41, Leipzig 1896,S. 4952, dann in der Buchausgabe 'Walther von der Vogelweide,Philologische und geschichtliche Forschungen', Leipzig 1900, S.2935;vgl. auch meine Besprechung von H. Kauffmanns Schrift über Hart-manns Lyrik, Anzeiger f. deutsches Altertum 1886 Bd. 12, S. 190f.

2 ) Schönbach, Über d. biogr. Gehalt des altd. Minnesanges,Biogr. Bll. 1 (1895), S. 40 und ganz neuerdings Max Rieger gegenmeinen Widerspruch seine einstigen Ausführungen bekräftigend, Zeit-

17*

1'i