258
Literatur und Kunst des Mittelalters
I
■
1
mit dem Kultus und Dienst aller Frauen. Man kann sagen: diepersönliche Liebe und die Liebesgeständnisse dieser Sängergeben sich so, als seien sie nur die sittlich notwendige Folge derritterlich-höfischen Pflicht, allen Damen edler Art zu dienen, ihrLob zu künden, ihre Sache zu führen!
Das kulturgeschichtlich, psychologisch und literarisch Merk-würdige ist: diese Kunst des Minnedienstes und seine lyrischeUmschreibung in beredten, geistreichen, feurigen, empfindungs-vollen Versen, die vor allem freilich den Reiz formaler Vollendungund Neuheit erstreben, gehört nach dem Urteil der höfisch-ritterlichen Gesellschaft Frankreichs und Deutschlands trotzgelegentlichem heftigem Widerspruch eines Teils der kirchlichenKreise (man denke z. B. an Heinrich von Melk oder «die Warnung')zum unentbehrlichen Besitz eines vollendeten Kavaliers, so gutwie die übrigen, gleichzeitig aus Frankreich nach Deutschlandübertragenen ritterlichen Künste des Turniers und Stoßspeer-Kampfes, der neuen Rüstungs- und Waffentechnik, der Jagd,des Tanzes, des neuen häuslichen Komforts, der Verfeinerungdes geselligen Lebens, der Konversation.
In den letzten Jahrzehnten hat die Forschung die konventio-nelle Natur des deutschen höfisch-ritterlichen Minnesangs völligklargestellt. Die deutsche Minnepoesie vermochte zwar nebenihrem Vorbild, der provenzalischen Troubadourdichtung, eineneigenen Charakter herauszuarbeiten, den die Brüder Schlegelbereits richtig empfanden und den besonders Friedrich Diezliebevoll und eindringlich betont hat. Aber sie blieb durchausgleich dieser, ja, sie war in gewissem Betracht noch mehr alsdiese, Gesellschaftsdichtung, worin das persönliche Ele-ment realer Erlebnisse zurücktritt hinter dem überliefertenSchema typischer Motive und eines geprägten Stils. Es istdarum methodisch ein verfehltes Unternehmen, die Minneliederunserer mittelalterlichen Sänger biographisch auszudeuten, aufdem poetischen Verlauf ihrer Liebesverhältnisse chronologischeHypothesen zu gründen, ihnen ihre Geliebten nachzurechnenund gar die Zusammenstellung ihrer Gedichte als autobio-graphische Romane zu werten, wie das für Walther von derVogelweide und danach auch für viele andere Minnesinger vonMax Rieger, Wilmanns, Müllenhoff, Scherer usw. versuchtworden ist. Meine Schrift über Reinmar den Alten und Walthervon der Vogelweide hat schon im Jahre 1880 dieses Verfahren