Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 257
Troubadourpoesie, der sogenannte Minnedienst und der ihmzugrunde liegende romantisch-ritterliche Liebesbegriff die poe-tischen Motive, ja die ganze Gedanken- und Empfindungsbasis.Dieser Minnedienst ist das planmäßig anhaltend, nach einerbestimmten Etikette geregelte Werben des ritterlich-höfischenMannes um einer Dame Gesellschaft, Gunst, Liebe, Gewährungin seinem schwankenden, wechselvollen Verlauf, den die Trou-badour-Terminologie in die vier Stadien des 'Hehlenden', des'Anbeters', des 'Liebhabers' und des 'Buhlers' zerlegt. Und dieseDame, die überall der Gegenstand dieser Liebespoesie ist, sieist eine verheiratete Frau, von hohem oder höchstem Rang. IhrName darf nicht preisgegeben werden. Darum webt um dieseDichtung das Geheimnis, und darum ist ihr Lebenselement dieVirtuosität der Andeutung, da ja das Ziel dieser Minne und derihr dienenden oder zu dienen vorgebenden Lieder nur im Ehe-bruch erreicht werden kann. Aber das Aussprechen dieser Emp-findungen einer nach bürgerlich-staatlichen und kirchlichenBegriffen des christlichen Mittelalters verbotenen Minne ver-quickt sich — höchst seltsam und man muß sagen unnatürlich —überall mit einer festen Theorie, ja mit einer selbstbewußtenEthik der Minne, die in vielverschlungenen, oft spitz-findigen Reflexionen über ihr Wesen und ihre Wirkung als eineKunst und — als eine sittlich veredelnde Macht gepriesenwird! Dabei vereint sich die Werbung um die geliebte Dame unddie ihr dargebrachte Huldigung, der ihr gewidmete Minnedienst
habe zwei Abschnitte des Minnesangs unterschieden: „einen älteren,in dem die Frau begehrend und leidenschaftlich wirbt; einen jüngeren,während dessen sie in die unserem Empfinden nach normale Stellungder Umworbenen zurückgekehrt[?] ist". Dem hält Schönbach ent-gegen, daß auch Frauenstrophen der späteren deutschen Lyrik, nichtbloß die beim Kürenberger, leidenschaftliches Verlangen bekennen unddaß auch die früheste provenzalische und französische Minnelyrik,ebenso die Chansons d'histoire den Frauen die begehrende, den Männerndie umworbene Stellung zuweisen. Mag Scherers Theorie von demWechsel männischer und weibischer Epochen in der Literatur durchseine Beobachtung keine Stütze finden, die Hauptsache bleibt doch be-stehen: in den Frauenstrophen, beim Kürenberger zuerst und nach demhier einmal ausgebildet erscheinenden Typus dann auch später in jünge-ren Frauenstrophen, lebt die vorminnigliche Stellung der Ge-schlechter fort. Daß sie auch in den frühesten romanischen Frauen-strophen und im französischen Epos erscheint, kann verschieden erklärtwerden.
Ilurdach, Vorspiel. 17