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Literatur und Kunst des Mittelalters
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nicht, daß man mit Jeanroy alle selbständigen Züge des deut-schen Minnesangs aus verlorenen romanischen Vorbildern ab-leiten darf.
Im Mittelpunkt dieses gemeinsamen Rahmens romanischerund deutscher Minnelyrik steht die neue Ansicht des Verhält-nisses der Geschlechter: der Begriff der Galanterie. Er ist dievollkommene Umkehrung der germanischen, in der gesamtenfrüheren deutschen Literatur allein zum Ausdruck kommendenAnschauung, die der Frau gesellschaftlich keinen Vorrang ein-räumt, sie gern als demütig Dienende, allein zarterer, aber auchleidenschaftlicher Liebesregung Fähige und solche voll Ver-langen, oft auch mit starker Entschlossenheit Bekennende dar-stellt, hingegen ein sehnsüchtiges LieLeswerben des Mannesum die Frau, einen Anspruch der Frau auf solches Werben nichtkennt, wenigstens nicht als poetisches Motiv benutzt. DieHelgilieder der Edda, die nordische Gestaltung der Brynhildsage,die Liebesszenen im Waltharius, die tragische Geschichte vonHagbarthus und Sygne bei Saxo Grammaticus (ed. Holder VII,S. 230—237) sind unvergeßliche Beispiele für den Geist und Stilder germanischen Erotik, die vom Minnewerben noch nichtsweiß, aber dennoch die Leidenschaft und Treue der Liebe bisin den Tod markig gestaltet und die Liebeskraft des Mädchensin den Vordergrund schiebt.
Das allmähliche Vordringen des neuen höfisch-ritterlichenLiebesbegriffs und Frauendienstes in der deutschen Epik undLyrik des zwölften Jahrhunderts hat Wilhelm Scherer feinsinnigverfolgt und beschrieben. Reste der alten Liebesethik lebennoch in den Anfängen des Minnesangs weiter, z. B. in den Küren-bergliedern 1 ). Aber dem ausgebildeten Minnesang gibt, wie der
hat Schönbach wenige Jahre nach den oben angeführten Äußerungenin seiner Studie 'Die Anfänge des Minnesanges', Graz, Leuschner undLubensky 1898, S. 18ff., 25ff. eine sehr viel weitergehende Abhängigkeitauch schon der frühesten altdeutschen Lyrik von der romanischenangenommen. Die Hauptsache ist aber immer die ganz unbestreitbareTatsache: der gemeinsame Stoff, die Liebe, wird hier wie dort in einerseltsam naturwidrigen, d. h. der bürgerlich-christlichen Sittlichkeit undSitte widersprechenden Auffassung und Anwendung behandelt, undgleichzeitig zeigen sich auf der deutschen Seite in Gedanken, Ausdruck,Form zahlreiche Entlehnungen und Nachahmungen.
x ) Mir ist Schönbachs Polemik gegen die Beobachtung Scherers(Anfänge des deutschen Minnesanges S. 103f.) nicht recht klar. Scherer