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1,1 (1925) Mittelalter
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255
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Der Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs 255

sangsvorlesungen, von Jacob Grimms Abhandlung über diepolitische Vagantenlyrik zu den kritischen, exegetischen, met-rischen Ernten Lachmanns, Haupts, Bartschs, Wackernagelsund durch die weiten Scheuern der von Raynouard und Diezbegründeten, mächtig aufblühenden romanischen Philologie,ist uns allmählich die Erkenntnis gewonnen worden: der deut-sche Minnesang, in dessen breitem Gefilde sehr mannigfaltigePflanzen und manche Blume echter, gefühlter und erlebterPoesie gewachsen ist, war eine bewußte Kunst, die durch gesell-schaftliche Sitte, poetische Theorie und Tradition, persönlicheund soziale Bedürfnisse, aber auch durch bestimmte Ideen undSymbole weltlicher Bildung geformt und beherrscht wurde.Kein Produkt heimischer oder volkstümlicher Überlieferungund nicht die Fortsetzung alter Heldendichtung und Spiel-mannspoesie, überhaupt kein deutsches Eigengewächs, sondernein Erzeugnis höfischer Kreise und wie des Rittertums Kriegs-kunst, Waffentechnik, Turniere, Geselligkeit, Lebenseinrichtungund geistiges Wesen Import aus Frankreich, mindestens Nach-ahmung französischer Vorbilder. Gegenüber WackernagelsVersuch, nordfranzösischen Troubadours dabei einen maß-gebenden Einfluß auf den deutschen Minnesang zuzuschreiben,hat die germanistische und romanistische Wissenschaft derletzten fünfzig Jahre immer wieder und immer schärfer erkennengelehrt, daß die provenzalischen Trobadors die eigentlichenUrheber und Muster dieser eigenartigen, neuen Liebesauffassungund Liebespoesie gewesen sind. Damit will ich keineswegsbehaupten, daß die romanische und die deutsche Minnepoesienicht für sich auch innerhalb des gemeinsamen Rahmens selb-ständige Wege gegangen sind 1 ). Und namentlich glaube ich

2 ) Schönbach, Über den biographischen Gehalt des altdeutschenMinnesanges, Bettelheims Biographische Blätter, 1. Jahrgang 1895,S. 41:Es ist ein arger Irrtum . . ., daß die süd- und nordfranzösischesowie die deutsche Minnepoesie nur unwesentlich unterschiedene Ge-staltungen ein und desselben Phänomens des mittelalterlichen Geistes-lebens darstellen". Gewiß. Aber wenn er selbst unzweifelhaft richtigfortfährt:InWahrheit ist ihnen nichts gemeinsam als der Stoff, dieLiebe, und in Form und Ausdruck, was die Deutschen von den Romanenentlehnt haben", so reicht dieses Gemeinsame, das wahrhaftig nicht ge-ring ist, eben doch aus, um ein einheitliches Phänomen des mittel-alterlichen Geisteslebens daraufhin zu statuieren, sofern man überhaupteinen derartigen hypostasierenden Begriff einführen mag. Übrigens